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Die bösen Adjektive

Immer wieder wird jungen Autor*innen gesagt, sie sollen weitestgehend auf Adjektive und Adverbien verzichten. Und dennoch fällt es ihnen oft schwer, es zu tun. Wieso gibt es diese Regel, und wie befolgt man sie am besten?




Was ist so schlimm an Adjektiven?


Gute Sprache ist vor allem eins: präzise. Je penibler die Wortwahl, je exakter wir genau das sagen, was wir sagen wollen, desto schneller entstehen Bilder im Kopf der Leser*innen. Das Geschriebene soll die Fantasie anregen. Adjektive helfen dabei nur selten.


Dies hat zwei Gründe: Erstens sind sie oft schlecht gewählt. Ein „schönes Kleid” kann alles sein, „schön” gibt uns kein Bild, lässt vor unserem inneren Auge nichts entstehen. Viele Adjektive sind beliebig und nichtssagend und beschweren die Sprache dadurch. Zudem werden Personen, Orte und Dinge gerade von jungen Autoren oft sehr detailliert. Es gibt Genres, in denen das gefragt ist, zum Beispiel historische Romane. In Büchern, in denen es aufs Tempo ankommt, sind ausladende Beschreibungen oft fehl am Platz. Wir müssen nicht genau wissen, wie schmal die Nase des Protagonisten ist, dass er blaue Augen mit kleinen braunen Sprenkeln darin hat, dass seine Lippen weich und voll und rot sind, dass sein Kinn scharf und seine Haare dunkel, mittellang, dicht und leicht gewellt sind. Ein, zwei Charakteristika reichen meist aus, damit Leser*innen sich ein Bild machen können.


Zweitens sind Adjektive keine guten Bildgeber, weil sie Handlung behindern. Lange, mit Adjektiven gespickte Beschreibungen hemmen die Fantasie eher, als dass sie sie anregen. Wir wollen nicht wissen, dass ihr Kleid lang und weit war, leicht und hellblau mit weißen Spitzenbordüren. Wir wollen wissen, dass ihr Kleid sie umwehte wie eine Welle in der Brandung. Vergleiche sind oft besser für Beschreibungen als Adjektive, weil sie ein Bild nutzen, um eine Idee, ein Gefühl zu vermitteln. Wenn ich sage: „Er sah aus wie der Held eines Cowboyfilms”, dann vermittle ich damit eine Idee. Einige stellen sich vielleicht Charlton Heston vor, andere Josh Hartnett, wieder andere Clint Eastwood. Es ist egal, dass diese Männer unterschiedliche Haarfarben und Gesichtsformen haben. Wichtig ist, dass sie dieselbe Idee verkörpern.




Präzise Sprache


Jedes Adjektiv bietet die Möglichkeit, ein passenderes Substantiv zu finden und so die Sprache zu verfeinern. Aus einem dicken Bauch wird ein Wanst, aus einem schnellen Gang ein Rennen, aus einem hohen Haus ein Wolkenkratzer. Ein kleines Kind kann ein Säugling sein oder ein Baby, ein Kindergartenkind oder ein (neudeutsch) Toddler. So sind wir mit weniger Buchstaben viel präziser, und die Leser*innen können sich besser vorstellen, was wir sagen wollen.


Achtet bei den Adjektiven in euren Texten auf folgende Punkte:

  • Wenn da mehrere Adjektive hintereinanderstehen, kann meist mindestens eins gestrichen werden.

  • Wenn ich viele Adjektive brauche, um etwas zu beschreiben, ist vielleicht ein Bild oder ein Vergleich die bessere Wahl.

  • Kann ich ein Adjektiv streichen, indem ich ein passenderes Substantiv finde?

  • Nichtssagende Adjektive sind zu vermeiden. Stattdessen können aussagekräftige Adjektive einen Text durchaus bereichern.



Adverbien


Im Gegensatz zu Adjektiven beschreiben Adverbien eine Handlung, stehen also zusammen mit einem Verb. Hier gilt noch mehr als bei Adjektiven, dass ein Adverb oft vermieden werden kann, wenn ein stärkeres Verb gefunden wird. Ein schönes Beispiel ist: Er lief schnell. Das gibt den Leser*innen zwar eine Idee, aber noch genauer kann man als Autor*in mit anderen Verben werden: rennen, hasten, jagen, stolpern. Er ging vorsichtig? Er schlich, trippelte, stakste, je nach Kontext. Das Deutsche bietet glücklicherweise unfassbar viele Wörter, aus denen wir uns beim Schreiben bedienen können. Ein Synonym-Wörterbuch sollte deswegen auch keinem Schriftstellerschreibtisch fehlen.


Adverbien werden sehr gerne in Begleitsätzen von Dialogen verwendet. Da wird dann nicht einfach nur irgendwas gesagt, sondern es wird schelmisch oder leise, wütend oder traurig, lachend oder atemlos gesagt. Auch hier gilt, dass oft ein anderes Verb die bessere Wahl ist. Hinzu kommt, dass viele Begleitsätze ganz vermieden werden können. Die Art und Weise, wie etwas gesagt wird, sollte sich im besten Fall aus dem Gesagten oder dem Kontext ergeben.



Ganz verzichten? Auf keinen Fall!


So oft auch gegen Adjektive und Adverbien gewettert wird, sie sind ein wichtiger Bestandteil der Sprache, und ganz auf sie zu verzichten, ist natürlich auch keine Lösung - und unmöglich. Wie immer geht es um den bewussten Umgang mit Sprache, denn je genauer wir die Worte wählen und unsere Sätze konstruieren, desto mehr Eindruck kann unsere Geschichte bei den Leser*innen hinterlassen. Wenn ihr also viele Adjektive benutzen wollt, tut das. Aber benutzt nicht die falschen, nicht die einfachen, unpräzisen. Seid nicht faul mit eurer Sprache. Eure Leser*innen werden es euch danken.


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