„Entgleist“ – Lebensgeschichte eines Buches

Aktualisiert: 8. Sept 2019

Seit einigen Woche ist mein erster Roman „Entgleist” nun auf der Welt und kann von allen Menschen da draußen gekauft und gelesen werden. Zeit, seine Entstehungsgeschichte zu rekapitulieren.


Wer mich kennt, weiß, dass meine Beziehung zur Deutschen Bahn kompliziert ist. Ich liebe Zugfahren, aber ich bilde mir ein, überdurchschnittliches Pech dabei zu haben. Als Beispiel: Im letzten Jahr bin ich dreimal in einen ICE gestiegen und durfte nach jedem einzelnen Mal ein Fahrgastrechteformular ausfüllen, weil die Verspätung so hoch war, dass ich Geld zurückfordern konnte. Ich bin inzwischen ein Profi im Ausfüllen dieses Formulars.



Ich weiß also nicht mehr, auf welcher verspäteten Fahrt mir die Idee zu diesem Buch gekommen ist. Aber sie klang ungefähr so: Wegen dieser Verspätung verpassen Menschen jetzt ihre Anschlusszüge, vielleicht ihre Urlaubsflüge. Vielleicht sind sie irgendwo verabredet. Menschen haben doch Pläne. Was ist, wenn da jetzt jemand auf den Schienen liegt und sterben will, und der Zug kommt nicht. Der muss jetzt weiterleben. Wie unfair!


Ja, der Gedanke ist zynisch – deswegen hat er sich wahrscheinlich festgesetzt. Was macht jemand mit einem Leben, das eigentlich beendet sein sollte? Ist das eine zweite Chance? Und was fängt man dann an mit dieser zweiten Chance? Mit diesen Fragen hat es angefangen.


Ich weiß, wie gesagt, nicht mehr, in welchem Zug das war, und ich kann auch nicht mehr sagen, wie viele Jahre das her ist. Ich schätze, es sind in etwa zehn. Ich neige dazu, eine Idee erst lange in meinem Kopf mit mir herumzutragen. Wenn sie sich festsetzt und weiterentwickelt, wenn sie mich nach ein paar Monaten noch interessiert, dann ist sie es wert, ausgearbeitet zu werden.



Ein Blick in mein digitales Archiv verrät, dass die ersten Dateien im Jahr 2011 entstanden sind. Damals habe ich meinen ersten Workshop zum Romanschreiben gemacht. Eine Woche lang lernte ich über das Plotten, Freischreiben, Szenenaufbau und so weiter. Wenn mir dieser Workshop eines gezeigt hat, dann dass mir das notwendige Handwerkszeug fehlt, um einen ganzen Roman aufs Papier zu bringen. Im Jahr darauf begann ich also mit einem zweijährigen Fernstudium des belletristischen Schreibens. Das fokussierte sich allerdings auf Kurzprosa, also lag der Roman erst mal auf Eis.


Im Jahr 2014 habe ich dann meine erste Schreibsoftware gekauft: Writer’s Café. Ähnlich wie beim Sport hat das neue Gear meinen Arbeitseifer angespornt. In den darauffolgenden Monaten sind sicher 30 % der Rohfassung entstanden. Das nächste Jahr war wieder schreibfaul, 2016 habe ich dann wieder in die Tasten gehauen. Auf die Ziellinie ging es dann wieder mit einem neuen Schreibprogramm, diesmal Scrivener. Ab dem Winter 2016 habe ich dann ernsthaft die Absicht verfolgt, das Buch fertigzustellen.


Woher kam der Mindshift vom gelegentlichen Rumdümpeln zum kontinuierlichen Schreiben? Sicher nicht nur aus einer Quelle. Meine Schreibgruppe war schon immer ein Ansporn. Als meine liebe Kollegin Susanne Ospelkaus ihren ersten Jugendroman „Asmarom und die Superhelden” veröffentlicht hat, hat mir das sehr viel Mut gegeben. Außerdem habe ich immer geschrieben, nur eben nicht immer an dem Roman. Ich habe zwischendurch Kurzgeschichten veröffentlicht und längere Texte und Formate für meine Marketing-Kunden geschrieben. Irgendwann stellte sich das Gefühl ein, dass ich endlich verstehe, was ich da tue. Damit veränderte sich meine innere Vorstellung des Romans. Er war nicht mehr dieses riesige Monster, das ich niemals besiegen würde, sondern ein täglicher Begleiter, dem ich jeden Morgen eine Stunde widmete. Wie eine Studienfreundin immer sagte: How to eat an elephant? In small pieces.


Am 23. Juli 2017, einen Tag vor meinem Geburtstag, tippte ich THE END unter die Rohfassung des Manuskripts, wohl wissend, dass die eigentliche Arbeit jetzt erst losgehen würde. In der zweiten Hälfte des Jahrs überarbeitete ich das Buch. Dann ging es an die Testleser, woraufhin natürlich noch mal einiges zu ändern war. Ich erinnere mich vor allem an eine Szene gegen Ende, die ich vollständig umgeschrieben habe, nachdem ein sehr guter Freund mir eine sehr schmerzhafte Kritik gegeben hatte. Er hatte recht, und das Buch ist besser dank der vielen Hinweise der Testleser*innen.



Und dann kam die Frage des Veröffentlichens. Um ehrlich zu sein, ich hatte keinen Plan, keine Strategie, keine Wunschpartner. Als ich über den Post des BvjA stolperte mit dem Aufruf, Autor*innen sollten sich für das Meet & Greet auf der Leipziger Buchmesse anmelden, tat ich das einfach. Hier gibt der Verband alljährlich seinen Mitgliedern und auch anderen Schreibenden die Möglichkeit, sich drei Verlagen oder Agenturen vorzustellen. Man bekommt jeweils einen Slot von 10 Minuten, um sein Projekt vorzustellen. Ich sah mir die Verlage an, wählte drei aus und wartete bis zur Messe.


Nun, das stimmt nicht. So ein Pitch will gut vorbereitet sein. Ich hatte einen kurzen Pitch von etwa zwei Minuten und einen ausführlicheren vorbereitet, je nachdem, ob mein Gegenüber lieber was hören oder Fragen stellen will. Ich kaufte hübsche Mappen für die Leseproben, schrieb meine Vita um, korrigierte die ersten 30 Seiten des Romans erneut und dann noch mal, legte mir drei verschiedene Outfits zurecht, man will sich ja wohlfühlen.


Lustige Anekdote: Wegen eines Zugausfalls und Streckensperrungen hätte ich es beinahe nicht nach Leipzig geschafft. Die Götter der Deutschen Bahn haben doch tatsächlich noch versucht, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Aber sie hatten kein Glück. Diese Geschichte habe ich hier aufgeschrieben.


Das Meet & Greet selbst war ziemlich aufregend. Weil wegen der vielen Zugausfälle an dem Wochenende (es hatte geschneit und war bitterkalt) einige Kandidaten nicht zur Messe gekommen waren, konnten wir, die da waren, immer wieder spontan die freien Slots belegen. So kam ich am Ende auf sechs anstatt nur drei Gespräche. Zwei Leseproben konnte ich gleich dalassen, zwei weitere habe ich per E-Mail nachgereicht. Jedes Gespräch war anders, manche sehr freundlich, andere sehr kühl. Eine Dame sagte gleich vor Ort, dass mein Buch nicht ins Sortiment passt – fair enough. Eine ziemlich nervenaufreibende Sache. Danach bin ich noch ein paar Stunden ziellos und todmüde über die Messe gewandert und habe die Cosplayer bewundert, bis ich abends mit einer Schreibkollegin nach Hause gefahren bin – mit dem Auto, wohlgemerkt.


Dann hieß es wieder: warten. Das Erste, was kam, war natürlich eine Absage – kaum eine Woche nach der Messe. Ein paar Tage später folgte die nächste. Depressionen, Selbstgeißelung, das volle Programm. Die anderen meldeten sich nicht, und ich rechnete auch nicht mehr damit, von ihnen zu hören. Doch sie taten es. Im Mai, also zwei Monate nach der Leipziger Buchmesse, bekam ich Angebote von beiden verbliebenen Verlagen. Und dann hatte ich plötzlich die Wahl. Ich entschied mich für den etwas größeren Verlag, immer noch klein, aber erfahrener – der acabus Verlag.


Ein unterzeichneter Verlagsvertrag ist ein Meilenstein, auf den eine Wüste folgt. Ich unterschrieb im Juni 2018 für eine Veröffentlichung im August 2019. Geduld ist da die Untertreibung des Jahrhunderts. Vor dem Frühjahr würde man nicht mit der Arbeit am Sommerprogramm beginnen, sagte man mir, also stand alles still. Stau auf dem Gleis. Ich begann ein zweites Buch.


Im Februar ging es dann endlich los, und zwar mir dem Cover. Ein erster Entwurf war mit viel Liebe ausgearbeitet, zielte aber meiner Meinung nach meilenweit an der Zielgruppe vorbei. Tausend Dank an die wunderbaren Mitarbeiterinnen vom acabus Verlag, die meine Einwände gehört und verstanden haben. Der zweite Entwurf war und ist wunderbar, und ich bin sehr glücklich damit. Dann folgten drei Lektoratsrunden, die zwar keine grundlegenden Änderungen verlangten, aber mich doch noch mal einige Szenen umschreiben ließen. Und einiges an sprachlichen Mängeln enthüllten. Ja, auch wir Lektor*innen brauchen Lektor*innen. Dann kamen Klappentext, Danksagung, Autorenvita, Buchsatz. In den letzten Monaten ging alles Schlag auf Schlag.



Und nun ist es da, das gute Stück, und kann überall gekauft werden, wo es Bücher gibt. Zum Beispiel im Shop der Autorenwelt oder auf Amazon. Das ist großartig und unheimlich zugleich. Nach zehn Jahren, in denen diese Geschichte mich begleitet hat, muss ich sie nun abgeben. So, wie sie jetzt gedruckt ist, wird sie bleiben, und jeder kann sie lesen, kann sie beurteilen, gut oder doof finden, und ich stehe dahinter, schweigend, und muss die Geschichte für sich sprechen lassen. Dieser Zustand ist ungewohnt.



Und gleichzeitig gilt es, Wind zu machen, die Marketingtrommel zu rühren. Facebook und Insta und Blogging, Lesungen, Radio, alles will geplant und gemacht werden. So ist sie eben doch noch nicht vorbei, die Geschichte dieses Buches. Teil zwei geht gerade erst los. Ich werde euch über meine Erfahrungen mit dem Buchmarketing auf dem Laufenden halten.

Aber wenigstens beim Schreiben kann ich mich auf neue Projekte konzentrieren. Das nächste Projekt liegt in den letzten Zügen der Rohfassung. Ich überlege, diesmal andere Wege beim Veröffentlichen zu beschreiten. Es bleibt spannend!


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© 2019 by Katharina Glück. Erstellt mit WIX.COM