Pleonasmen – Besserer Stil mit weniger Worten

Es gibt kaum eine bessere Methode, Leser*innen zu vergraueln, als sie zu langweilen. Zum Beispiel, indem man ihnen Dinge erzählt, die sie schon wissen. Doch oft fällt es Autor*innen gar nicht auf, dass sie sich wiederholen, weil sie doch so viele verschiedene Wörter und Sätze benutzt haben. Was sie übersehen, ist, dass viele dieser Wörter keine neuen Informationen liefern. Wortreichtum ohne Informationsgewinn – man nennt es auch Pleonasmus. Wie kann man ihn erkennen und vermeiden?




Was ist ein Pleonasmus?


Der Pleonasmus beschreibt eine rhetorische Figur, in der innerhalb eines Satzes oder Absatzes eine Information auf unterschiedliche Weise wiederholt wird. Dabei werden andere Wörter, oft auch Wortarten benutzt, weswegen sie nicht so einfach zu identifizieren sind. Dennoch führen sie beim Leser oft zu Ermüdung, weil sie den Text ausbremsen, unnötig aufblasen und jede Spannung killen.


In den folgenden Sätzen sind eine Menge Pleonasmen versteckt. Lest sie und schaut, ob ihr die Informationswiederholungen selbst identifizieren könnt:


Der alte Greis trug zu jeder Zeit stets einen Hut. Mit einem schabenden Geräusch schlurfte er zum Thron der Königin, die das Land regierte. Er verneigte sich mit einer tiefen Verbeugung. Danach nahm er das Geschenk aus seiner Tasche heraus und überreichte es der Königin. „Eure Majestät, ich möchte euch dieses Geschenk überreichen.”



Adjektiv und Substantiv


Dies ist die klassische Form des Pleonasmus. Ein Greis ist per Definition alt, weswegen der Zusatz des Adjektivs „alt” keine weitere Information liefert. Ähnlich steht es bei dem schwarzen Raben, der runden Kugel, dem grünen Gras oder Komposita wie Tsunami-Welle, Glasvitrine, Haarfrisur und Ähnlichen. Ein Rabe ist meist schwarz, eine Kugel rund, Gras ist grün, und Tsunami ist das japanische Wort für Welle. Wenn das Adjektiv oder ein Teil des Kompositums also keine zusätzliche Information liefert, lasst es einfach weg.


Adjektive machen dann Sinn, wenn sie eine zusätzliche Information bieten: „Der weiße Rabe” sagt mir etwas über das Tier, das ich nicht erwartet habe.




Zeiten und Orte


„Zu jeder Zeit” besagt dasselbe wie „stets”, eines kann also weggelassen werden. Beispiele, die ich oft lese:

  • … hier an diesem Ort …

  • … jetzt in diesem Moment …

  • … plötzlich sah er mit einem Mal …

In diese Kategorie gehört auch das „danach”, mit dem der vierte Satz beginnt. Wenn mehrere Handlungen einer Person hintereinander geschrieben werden, folgt daraus, dass sie nacheinander stattfinden. Es hier mit dem Wort zu betonen, ist unnötig und bläht den Satz nur künstlich auf.



Präfixe und Präpositionen


Oft passieren Informationswiederholungen, wenn Präfixe mit Verben benutzt werden.

  • Er nahm das Geschenk aus der Tasche heraus.

  • Sie lief in die Schule hinein.

  • Sie stieg auf den Berg hinauf.

Besser:

  • Er nahm das Geschenk aus der Tasche.

  • Sie lief in die Schule.

  • Sie stieg auf den Berg.



Umschreibungen


Dass beim Schlurfen ein schabendes Geräusch entsteht, wissen wir. Deswegen kann „mit einem schabenden Geräusch” im zweiten Satz gelöscht werden. Ebenso ist klar, dass eine Königin ein Land regiert, sonst wäre sie keine Königin, und dass man sich mit einer Verbeugung verneigt. Vor allem in Umschreibungen werden oft Informationen wiederholt aus der Angst heraus, die Leser*innen könnte nicht verstanden haben, was man gemeint hat. Unterschätzt eure Leser*innen nicht. Sie merken, wenn Autor*innen sie für dumm halten, und das ist niemals ein schönes Gefühl.



Dialog und Begleitsätze


Vor allem in Dialogen und den dazugehörigen Begleitsätzen werden oft Dinge wiederholt, in unserem Textbeispiel sogar im selben Wortlaut. Hier noch ein paar Beispiele, die mir häufig über den Weg laufen:

  • „Es tut mir leid”, entschuldigte er sich.

  • „Achtung”, warnte sie die anderen.

  • „Hallo, Mama”, begrüßte er seine Mutter.


Wenn der Begleitsatz wirklich nur den Sprecher identifizieren soll, benutzt hauptsächlich die Verben „sagen” und „fragen”.



Knapper ist schöner


Wie klingt der Absatz also, wenn wir alle Pleonasmen entfernen?


Der Greis, der stets einen Hut trug, schlurfte zum Thron der Königin. Er verneigte sich tief und nahm das Geschenk aus seiner Tasche. „Eure Majestät, ich möchte euch dies überreichen.”


Nur durch das Entfernen gedoppelter Informationen haben wir den Text um fast die Hälfte gekürzt, ohne auch nur ein Detail verloren zu haben. Er ist knapper und fließt besser.


Natürlich soll euch das nicht davon abhalten, ausschweifender zu erzählen, wenn das euer Stil ist. Aber denkt daran, dass ihr es nicht nur macht, um viele tolle Wörter zu benutzen, sondern dass ihr auch mit Umschreibungen neue Informationen vermittelt, wie zum Beispiel eine besondere Stimmung, Details zur Atmosphäre oder Kleinigkeiten, die eure Figuren näher beschreiben.



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