Spannung aufbauen mit dem MICE-Quotienten

Konflikte sind die Essenz unserer Geschichten. Ohne Konflikte gibt es keine Spannung, kein Ziel, keinen Grund, weiterzulesen. Doch um die richtigen Konflikte für unsere Geschichte zu finden, hilft es, sich zu überlegen, was für eine Geschichte man hier eigentlich schreibt.


In meinem letzten Post habe ich über den MICE-Quotienten gesprochen, der besagt, dass es in Geschichten vier zentrale Elemente gibt: Milieu (einen Ort), Inquiry (eine Frage oder ein Rätsel), Charakter (die Figuren) und Event (ein äußeres Ereignis). Natürlich können Geschichten mehrere oder sogar alle diese Elemente beinhalten, aber eines wird im Vordergrund stehen, und auf dieses sollte man sich im Aufbau der Konflikte konzentrieren.




Konflikte in Milieu-Storys


In einer Milieu-Story dreht sich alles um einen Ort. Die Geschichte beginnt, wenn die Hauptfigur den Ort betritt, und endet, wenn sie den Ort verlässt. Die Konflikte sollten sich also darum drehen, dass der Held dem Ort nicht entkommen kann. Beispiele hierfür sind Horror-Häuser, ein Ort in der Natur für Survival-Storys oder das Raumschiff in „Event Horizon”.


Auf jeden Versuch, dem Ort zu entkommen, sollte eine Folge von Ja/aber oder Nein/und folgen. Als Beispiel: Bei der Wanderung durch die Wüste sind alle schon halb verdurstet. Doch ist das eine Oase da hinten? Ja, aber das Wasser ist verschmutzt und alle bekommen Magenkrämpfe. Oder nein, und an dem Ort wartet auch noch ein Nest giftiger Schlangen.


Macht den Ort zum größten Feind der Figuren. Aber bitte: keine Stampfer!!!




Konflikte in Inquiry-Storys


In diesen Geschichten geht es um Fragen, die zu beantworten sind, oder Rätsel, die es zu lösen gilt. Übliche Genres sind Krimis oder Mystery Thriller. Die Geschichte endet, wenn die Frage beantwortet ist. Die Konflikte müssen also so strukturiert sein, dass sie die Held*innen davon abhalten, die Frage zu beantworte.


Ein klassisches Element ist hier zum Beispiel die Leiche im zweiten Akt. Entweder hatte der Kommissar bereits einen Menschen als Täter im Auge oder es gab jemanden, der wichtige Informationen oder Beweismaterial liefern wollte, doch nun ist diese Person tot. Wie konnte das passieren?


Oft stellt sich im Laufe von Inquiry-Storys heraus, dass die Frage viel größer war, als man es sich am Anfang dachte. Vielleicht glaubt die Hauptfigur anfangs, es mit einem simplen Fall häuslicher Gewalt zu tun zu haben. Doch sobald eine Frage beantwortet ist, tun sich viele neue Fragen auf, und schon bald geht es nicht mehr um Eifersucht, sondern um organisierten Drogenhandel oder dergleichen. Stapelt eure Fragen also klug, damit das Vorankommen besonders mühsam ist.



Konflikte in Charakter-Storys


Es gibt grob gesagt zwei Sorten von Charakter-Geschichten: In der einen will die Figur sich verändern, aber die Außenwelt steht ihr im Weg, in der anderen muss sie sich verändern, obwohl sie es nicht will. In jedem Fall ist die Geschichte dann abgeschlossen, wenn die Veränderung abgeschlossen ist.


Dementsprechend müssen die Konflikte so gestrickt sein, dass die Heldin von der Veränderung abgehalten wird. Das können im ersten Fall zum Beispiel Freunde oder Familie sein, die nicht wollen, dass sie sich verändert. Im zweiten Fall ist es die Umwelt, die die Figur immer wieder dazu zwingt, die eigenen Muster zu überdenken und auf eine Weise zu handeln, die ihr fremd ist. Für die zweite Version gibt es ein besonders berühmtes Beispiel: Frodo, der kleine Hobbit, der eigentlich nur nach Hause will, aber zum Helden werden muss, um seine Freunde und die Welt zu retten. Am Ende hat er sich so verändert, dass er Mittelerde verlässt, was zu Beginn der Geschichte undenkbar war.


Dieses Beispiel zeigt, dass es in Charakter-Geschichten sinnvoll sein kann, das äußere Ziel der Figur als Gegensatz des inneren Ziels zu setzen; zum Beispiel die Kriminelle, die einen besseren Weg einschlagen will, aber noch einen letzten Job hinter sich bringen muss. Hier entsteht wunderbares Konfliktpotenzial.




Konflikte in Event-Storys


In diesen Geschichten wird der Status quo durch eine äußere Macht gebrochen, und die Figur versucht, den Status quo wiederherzustellen. Katastrophenfilme fallen oft in diese Kategorie, genauso wie Geschichten, in denen die Welt von Aliens angegriffen oder von einer Krankheit heimgesucht wird.


Alles, was die Held*innen davon abhält, den Status quo wiederherzustellen, dient als Konfliktmaterial. Das können Personen sein, die sich aufgrund der Situation bereichern wollen, aber auch Dinge, die direkt mit dem Event zusammenhängen. Denn im Laufe der Geschichte sollten sich immer weitere Probleme auftun, die aufgrund des ersten Events entstanden sind und die die Lösung des Konflikts erschweren: Wegen der Pandemie gibt es keinen Warenverkehr mehr, die Aliens haben die Energieversorgung gekappt, wegen des Erdbebens ist die einzige Straße aus dem Tal zerstört.



Mischformen


Natürlich gibt es auch eine ganze Menge Mischformen, und am Ende steckt in jeder Geschichte auch eine Charakter-Story. Aber achtet beim Schreiben darauf, die verschiedenen Stränge genau zu strukturieren und nicht das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Wenn ihr zum Beispiel eine Milieu-Geschichte schreibt, aber die Flucht von dem Ort auf einmal keine Rolle mehr spielt, weil sich ein Event ereignet hat, wird das die Leser*innen enttäuschen. Genauso wenn sich in der Milieu-Geschichte auf einmal eine Inquiry-Story auftut und die Flucht von dem Ort problemlos klappt, weil ihr euch mehr auf das Rätsel konzentriert. Denkt an die Einbettung der Geschichten ineinander, die ich in meinem letzten Artikel beschrieben habe.


Dies soll wie immer nur eine Hilfestellung sein, die euch dabei unterstützen kann, Probleme in eurem Plot zu identifizieren und eine Lösung zu finden. Außerdem gilt: Wenn euch ein Thema auf der Seele brennt, über das ich schreiben soll, lasst es mich wissen.


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