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Worldbuilding: Wie baue ich eine Welt

Aktualisiert: 2. Juli

Besonders in den fantastischen Genres spielt das Worldbuilding eine zentrale Rolle. Die fremden Welten sind es, die uns faszinieren und uns in ihren Bann ziehen. Im besten Fall wünschen sich die Lesenden in die fantastische Welt hinein und würden am liebsten dort leben. Andererseits ist das Worldbuilding eine komplexe Angelegenheit, in der sich Schreibende oft verlieren. Deswegen schlüsseln wir in diesem ersten Artikel der neuen Reihe rund um das Thema auf, wie man Welten baut und worauf dabei zu achten ist.




Was ist Worldbuilding?

 

Jede fiktionale Geschichte spielt in ihrer eigenen Welt – unabhängig davon, ob es sich um eine fantastische Geschichte oder eine der Gegenwartsliteratur handelt. Immer tauchen wir als Schreibende in ein bestimmtes Umfeld ein, das abgesteckt und definiert werden muss. Egal ob die Geschichte in einem mexikanischen Gefängnis, auf einem fernen Planeten oder in einem magischen Mittelaltersetting spielt, wir müssen diese Welt klar darstellen und ihre Regeln vermitteln. Das nennt man Worldbuilding.


Wobei Worldbuilding aus zwei Teilen besteht:


Da ist zuerst der Teil, in dem wir uns die Welt ausdenken. In unserem stillen Kämmerlein entwerfen wir Karten und Geschichten, zeichnen Grundrisse, entwickeln Mythologie, studieren Klimazonen und Lebewesen – eben alles, was unsere Welten brauchen, damit spannende Geschichten in ihnen stattfinden können. Einer der berühmtesten Weltenbauer ist J. R. R. Tolkien, der Tausende Seiten Text über Mittelerde geschrieben hat, die nie in einem seiner Bücher erschienen – und sich mehrere Sprachen ausdachte.


Der zweite Bereich des Worldbuildings ist die Vermittlung dieses Wissens über die Welt im finalen Manuskript. Das bezieht sich sowohl auf die Auswahl der Informationen, die wir tatsächlich in unseren Geschichten verarbeiten, sowie die Art und Weise, wie wir diese Informationen platzieren. Um diesen Punkt wird es in einem späteren Artikel der Reihe noch im Detail gehen.

 

 

Was gehört zum Worldbuilding dazu?

 

Viele beginnen beim Worldbuilding mit einer Karte – und enden auch damit. Doch zu einer funktionierenden, spannenden Welt gehört mehr als das Wissen, dass im Norden Berge sind und im Osten eine lange Küste. Je nach Genre und Komplexität eurer Geschichte solltet ihr euch beim Worldbuilding über folgende Aspekte Gedanken machen:


  • Was für Wesen leben in meiner Welt?

  • Wie sehen ihre Kulturen aus?

  • Welche Geschichte/Mythologie hat meine Welt?

  • Welche Technologien/Magieformen stehen meinen Figuren zur Verfügung?

  • Wie gestalte ich die Natur in meiner Welt (Klima, Fauna, Flora, Planetologie)?

  • Welche Regierungssysteme gibt es (wenn überhaupt welche)?

  • Welche Sprachen werden in der Welt gesprochen?

  • Wie sieht der Alltag meiner Figuren aus?

  • Gelten besondere Regeln in meiner Welt, die von unserer realen Welt abweichen?


Je intensiver ihr diese Aspekte ausarbeitet, desto runder wird eure Welt. Achtet dabei auf eine Ausgewogenheit zwischen Neuem und Bekanntem. Wenn ihr in jedem dieser Bereiche eurer Kreativität freien Lauf lasst und euch völlig neue Konzepte ausdenkt, kann es dazu führen, dass eure Lesenden sich nicht in die Welt hineindenken können. Andererseits langweilt eine Welt, in der zu viel genau so ist wie im Alltag der Lesenden. Die goldene Mitte ist – je nach Genre – wie immer das Ziel.

 

 

Ein einheitliches Konzept

 

Wichtig ist, dass eure Welt in sich stimmig ist. Zum Beispiel wird in einer Welt ohne Religion niemand „Oh mein Gott!“ ausrufen. Auf einem Planeten ohne Landmasse werden sich evolutionär keine Landtiere entwickeln. Und eine Lebensform ohne Gehör hat wahrscheinlich keine Musik – oder zumindest nicht in der Form, wie wir Musik kennen. Achtet also darauf, dass ihr die Regeln und Gesetze, die ihr an einer Stelle festlegt, an den anderen auch befolgt.


Eine gute Strategie ist es hier, von einem Punkt aus zu starten. In Frank Herberts „Dune“ ist das zum Beispiel der Wüstenplanet Arakis. Da es hier nur Wüste gibt, hat sich die Kultur der Fremen entsprechend entwickelt. Wasser ist heilig und muss erhalten werden, was sich sogar bis in die Bestattungsrituale zieht. Der Sand wird gelesen und sogar im Kampf eingesetzt, und die Würmer, die wichtigsten anderen Lebewesen auf dem Planeten, werden beinahe als Götter verehrt.


Ein anderes gutes Beispiel sind die Sturmlichtchroniken von Brandon Sanderson. Hier basiert der Weltenbau auf der Idee, dass in regelmäßigen Abständen schreckliche Stürme über den Kontinent Roschar hinwegziehen, die selbst Flora und Fauna zu Anpassungen zwingen. So gibt es zum Beispiel Gras, das sich in den Boden zurückziehen kann, und die Tiere haben harte Panzer. Gleichzeitig bringen diese Stürme aber das Sturmlicht mit sich, die Quelle aller Magie in Roschar – ein wunderbares Dilemma.


Überlegt also: Was ist das zentrale Element der Welt, die ihr bauen wollt, und wie wirkt es sich auf die anderen Bereiche des Worldbuildings aus? Hinterfragt zu Anfang lieber alles, was ihr zu wissen glaubt, und untersucht es darauf, ob es in eure Welt passt. Dazu gehören Kleinigkeiten wie Wohnräume, Essgewohnheiten und Kleidung, aber auch große Fragen wie Gesellschaftsstrukturen, Wirtschaft und Philosophie.

 


Infodumping

 

Die Welt als Handlungstreiberin

 

Wenn ihr eure Welt nur als Kulisse für eure Geschichte versteht, verschwendet ihr Potenzial. Spannend wird es dann, wenn die besonderen Charakteristika eurer Welt zu Elementen der Handlung werden, diese also entweder vorantreiben oder den Figuren als Hindernisse im Weg stehen.


Natürlich denken wir hier als Erstes an Magie in der Fantasy und Technologie in der Science-Fiction. Bei Harry Potter zum Beispiel tragen die magischen Fähigkeiten, die Harry, Hermine und Ron in jedem Band lernen, dazu bei, dass sie den zentralen Konflikt am Ende lösen können. In der Science-Fiction wiederum gibt es viele Geschichten, in denen die Technologie zum Verhängnis wird, zum Beispiel in „Die Zeitmaschine“ oder „End of Eternity“ sowie in den Filmen „Terminator“ und „WarGames“.


Doch das betrifft auch andere Aspekte des Worldbuildings. Es macht einen Unterschied, ob ihr einen Liebesroman auf Borneo oder Helgoland ansiedelt, weil eure Figuren sich je nach Ort anders verhalten werden. Dasselbe gilt für Staatssysteme, Kulturen oder Planeten.


Das bedeutet: Macht eure Welt relevant für eure Geschichte. Versteht die Welt nicht nur als hübsches Beiwerk. Es muss Konsequenzen haben, dass eure Figuren sich genau in dieser Umgebung bewegen. Denkt also bei jeder Entscheidung, die ihr im Worldbuilding trefft, darüber nach, wie sie sich auf eure Geschichte auswirkt.



Wie komplex darf es sein?

 

Wie komplex eine Welt sein muss oder darf, hängt in erster Linie vom Genre ab. Vor allem in Subgenres wie Urban Fantasy oder Near Future Science-Fiction sind die Welten oft eng angelehnt an unsere. Sie unterscheiden sich nur in wenigen Aspekten von dem, was die Lesenden kennen, und das bedeutet natürlich für die Schreibenden, dass sie nicht so viel Worldbuilding betreiben müssen.


Anders ist es in Genres wie High Fantasy oder Space Opera, die gerade durch die Fremdheit der Welten bestechen, in denen sie spielen. Hier wollen die Lesenden überrascht und fasziniert werden, weswegen völlig andere Regeln greifen können als in unserem realistischen Alltag. Das gilt nicht nur für Magie, sondern auch für Staatsformen, Kulturen, Lebewesen, Technologie, Historie, Sprachen und vieles mehr. Wie tief ihr ins Worldbuilding einsteigt, hängt also sehr davon ab, welche Art von Geschichte ihr schreiben wollt.


Wie viel eurer Welt ihr im Hintergrund ausarbeitet, liegt auch an euch und eurem Enthusiasmus. Nicht alle Schreibenden steigen so tief ein wie Tolkien. Viele entwickeln wirklich nur das, was direkt für ihre Geschichte nötig ist. Wichtig ist, dass ihr mit einer soliden Idee über die Grundlagen eurer Welt in den Schreibprozess startet, damit ihr nicht bei jeder kleinen Frage aus dem Flow gerissen werdet. Wenn ihr zum Beispiel einen neuen Planeten entwerft, ist es wichtig, sich grundlegende Gedanken über Klima, Flora und Fauna zu machen, aber ihr müsst nicht jede Tierart kennen. Wenn ihr euch dann für eine Szene eine neue Tierart ausdenken müsst, fühlt ihr euch vielleicht schon ausreichend heimisch in eurer Welt, dass die Ideen ganz von alleine entstehen.



Fazit

Egal in welchem Genre wir schreiben, wir sollten uns in der Welt, in der unsere Geschichte spielt, auskennen. Dazu gehören ein einheitliches Konzept und genug Hintergrundwissen über die Welt, damit wir unserer Geschichte ungestört folgen und unsere Welt zu einem relevanten Schauplatz machen können. Wenn wir es dann noch schaffen, unsere Leserschaft mit ein paar spannenden Ideen zu überraschen, kann nichts mehr schiefgehen.


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