Parallele Plots und episodische Erzählungen

Teil 3 unserer Reihe über Plotstrukturen (Teil 1 hier und Teil 2 hier). Langsam kommen wir zu den komplizierteren Erzählformen und stellen uns die Frage: Wie bringe ich mehrere Geschichten in einem Buch unter?





Parallele Plots


Hierbei handelt es sich um eine Struktur, in der zwei oder mehr Geschichten nebeneinander erzählt werden. Diese Geschichten haben scheinbar nichts miteinander zu tun. Erst im Verlauf des Buches erkennen die Leser*innen langsam Gemeinsamkeiten, und erst zum Midpoint oder Finale werden die Geschichten zusammengeführt.


Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist „Ein Lied von Eis und Feuer” von George R. R. Martin. Diese Bücher haben unzählige parallele Plots aus den verschiedensten Perspektiven – praktischerweise ist jedes Kapitel mit der Figur überschrieben, aus deren Perspektive erzählt wird. Martin führt uns langsam in diese Struktur ein, indem er viele der handelnden Figuren in einem gemeinsamen Szenario einführt: die Zusammenkunft auf Schloss Winterfell. Hier lernen wir einen Großteil der Personen kennen, die dann im Folgenden in alle Himmelsrichtungen verstreut werden und die wir dann reihum besuchen. Somit ist in diesem Beispiel von Anfang an ein Rahmen gegeben, vor dem die Geschichte sich entfalten kann, quasi ein Problem, an dem sich viele der Plots entlanghangeln können. Das bedeutet: Unterhalb all der parallelen Plots liegt ein Basisplot, eine grundlegende Frage, die alle Plots zusammenhält: Wer wird am Ende auf dem Eisernen Thron sitzen? Dennoch steht jeder Plot auch für sich, hat seine eigene Dramaturgie und einen eigenen Spannungsbogen.



Planung paralleler Plots


Und hier ergibt sich auch schon die erste große Schwierigkeit mit solchen Plots: Sie müssen sehr genau gewichtet und geplant werden. Wenn wir in jedem Kapitel die Szenerie wechseln, müssen wir sehr genau darauf achten, die Leser*innen nicht zu verwirren oder zu überfordern. Wir müssen den aktuellen Plot vorantreiben, dürfen aber auch die Grundfrage nicht aus den Augen verlieren. Außerdem müssen die Kapitel in ihrer Abfolge funktionieren: Wenn wir gerade in Plot A eine Action-Szene hatten, ist es dann sinnvoll, direkt im folgenden Kapitel in Plot B auch eine Action-Szene einzubauen? Die Verknüpfung der Dramaturgie des gesamten Buches mit den inneren Dramaturgien der einzelnen Plots, dies ist die schwierigste Aufgabe bei solchen Strukturen. Natürlich muss man nicht gleich so weit gehen wir Martin, man kann mit zwei parallelen Plots beginnen, doch auch in diesem Fall sollte ein genauer Szenenplan gemacht werden. Stellt euch dazu für jede Szene zwei Fragen:


  1. Wie treibt diese Szene den aktuellen Plot voran?

  2. Wie treibt diese Szene den Basisplot voran?


Natürlich gibt es auch viele Beispiele, in denen die verschiedenen Plots eingeführt werden, ohne dass ein gemeinsamer Rahmen gleich ersichtlich ist. Wir begegnen hier quasi mehreren Figuren, deren Geschichten nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Natürlich gilt auch hier, dass ihr den Basisplot von Anfang an mitdenken müsst, auch wenn die Leser*innen noch nicht erkennen, welche Frage hier genau beantwortet werden wird.


Wenn ihr euch an ein solches Projekt wagt, solltet ihr sehr genau im Auge behalten, wie und wann die parallelen Geschichten zusammengeführt werden. Denkt daran, dass diese Frage von Anfang an eure Leser*innen umtreiben wird: Was haben diese Geschichten miteinander zu tun? Der erste Hinweis darauf wird also ein besonderer Moment sein, weswegen ihr ihn bewusst setzen müsst.




Parallele Plots auf verschiedenen Zeitebenen


Parallele Plots können auch auf verschiedenen Zeitebenen spielen. Diese Struktur findet man häufig in Familiensagas, die sich über mehrere Generationen erstrecken, zum Beispiel in Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts”. Hier kommen je nach Epoche andere Figuren zur Sprache und erleben ihre eigenen Geschichten. Als Rahmen dient die Familiendynamik.


Ebenso gibt es Bücher, deren Plots zu unterschiedlichen Zeiten spielen und deren Figuren nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Hier kann die Verbindung eine Technologie sein (ihre Entstehung vs. ihre Auswirkungen in der Zukunft), ein Gebäude (in dem zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dinge geschehen) oder etwas so Subtiles wie ein Thema, das sich wiederholt oder das aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden soll.

Hier gilt selbstverständlich dasselbe wie oben: Die Verknüpfung der einzelnen Spannungsbögen ist wichtig. Gerade wenn ein Plot Informationen über den anderen preisgibt (der Vater ist so kalt, weil er in seiner Kindheit Schlimmes erlebt hat; in der Treppenstufe ist diese Kerbe, weil dort vor vielen Jahren jemand gestolpert ist), muss diese Information zum richtigen Zeitpunkt für beide Plots erzählt werden. Auch hier ist also ein genauer Plan unerlässlich.



Episodisches Erzählen


Eine etwas schwierigere Form für einen Roman ist die episodische Erzählung. Hierbei handelt es sich um verschiedene Plots, die nur sehr wenig miteinander zu tun haben. Es gibt also keine zugrunde liegende Frage, keinen alles überspannenden Spannungsbogen, der die einzelnen Episoden zusammenhält. Vielmehr ist jede Episode in sich abgeschlossen, quasi wie eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich zum Beispiel alle um dieselben Personen drehen. Außerdem werden die Episoden meist nacheinander erzählt, es wird also nicht wie bei parallelen Plots hin- und hergesprungen.


Ein Beispiel ist der erste Band der „Känguru-Chroniken” von Marc-Uwe Kling. Das Buch ist aufgeteilt in einzelne Ausschnitte aus dem Leben des Kleinkünstlers und seines Kängurus, aber es gibt keine (oder kaum eine) logische Abfolge der einzelnen Episoden, kein Endziel, das zu erreichen wäre. Tatsächlich ist das Buch aus einer Sammlung von Einzelbeiträgen von Marc-Uwe Kling entstanden.


Im Kino kommt diese Form häufig vor, zum Beispiel in den Jarmusch-KlassikernNight on Earth” und „Coffee and Cigarettes” oder in „Four Rooms”, in dem Quentin Tarentino für eine Episode verantwortlich zeichnete.


Eine episodische Erzählung in Romanform eignet sich dann, wenn man eine sehr gute Grundlage hat, auf der die Episoden basieren – ein sprechendes, linksradikales Känguru zum Beispiel. Dieser Hook muss ausreichen, um die Leser*innen zu animieren, auch die nächste Episode zu lesen, auch wenn es keine dramaturgische Notwendigkeit gibt, also keine Frage offen ist, die zum Weiterlesen anregt.



Natürlich gibt es noch unendlich viele andere Formen, wie ihr die verschiedenen Plots, Nebenplots, Erzählstränge und Perspektiven eurer Geschichten strukturieren könnt. Der Platz auf diesem Blog reicht nur dafür aus, euch die gängigsten Formen aufzuzeigen und generelle Probleme und Lösungswege zu präsentieren. Eurer Fantasie soll nichts im Weg stehen. Wenn ihr also eine ganz andere Vorstellung habt, dann los, probiert es aus. Und lest, lest Verschiedenes, lest aufmerksam, lest analytisch.


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