Romane überarbeiten in 5 Schritten

Die meisten großen Autoren sagen: Die eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn das Buch geschrieben ist. Nicht umsonst nennen wir die erste Fassung auch Rohfassung, denn wie ein rohes Stück Fleisch braucht sie Arbeit, Liebe und Zeit, um sie genießbar zu machen. Aber wie geht man bei der Überarbeitung eines Romans am besten vor? Hier ein kleiner Leitfaden, der euch vielleicht hilft, einen für euch passenden Weg zu finden.



Schritt 1: Ruhen lassen


Tatsächlich besteht der erste Schritt darin, das Buch zur Seite zu legen und sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Es ist kein Zeichen von besonderem Fleiß oder Ehrgeiz, wenn man sich sofort, nachdem man „The End” unter das Manuskript getippt hat, ans Überarbeiten macht. Im Gegenteil: Man verbaut sich die Chance, die Geschichte mit objektiver Distanz zu betrachten. Also: Manuskript wegsperren und sich auf etwas anderes konzentrieren. Mindestens für zwei Wochen, besser noch für vier.


Wieso ist das so? Es ist nötig, die Geschichte ein wenig aus dem Gedächtnis zu schieben. Beim Schreiben geben wir uns viele Gründe dafür, wieso wir diese eine Szene einbauen oder warum wir diesen Übergang so gestalten. Oder wir tun es einfach, ohne einen Grund zu kennen, hinterfragen es aber nicht: Es kommt uns natürlich vor. Es ist vor allem die Erinnerung an diese Prozesse, die wir loswerden müssen, um jede Szene und jeden Übergang um seiner selbst willen betrachten zu können. Erst mit diesem Abstand fällt uns vielleicht auf, dass die Szene total überflüssig ist oder dass der Übergang schlecht motiviert ist.



Schritt 2: Inhalt


In der ersten Runde sollte es vor allem um den Inhalt gehen. Hier überprüfen wir Spannungsbögen, Plotlücken, die Entwicklung unserer Figuren und vieles mehr. Es hilft, sich dabei visuelle Hilfen zu holen. Wer das Manuskript ausdruckt und auf Papier durchliest, kann mit Klebemarkierungen ganz einfach feststellen, ob die Akte die richtige Länge haben, ob die Einleitung vielleicht zu lang ist und das Ende im Vergleich zu kurz und dergleichen mehr.


Außerdem geht es hier um Fragen der inneren Logik. Bekommen die Figuren die wichtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt? Wissen die Leser*innen mehr als die Figuren und ist das gewollt oder störend? Stimmen die kleinen Fakten wir Tageszeiten, Wetter, Haarfarben, Kleidung, oder gibt es da ungewollte Brüche und Anschlussfehler?


Hilfreiche Fragen:

  • Wo beginnen und enden meine Akte?

  • Wo ist der Höhepunkt und wo sind die Wendepunkte meiner Geschichte?

  • Wie entwickeln sich die zentralen Figuren der Geschichte?

  • Führt jede Szene einen Schritt weiter auf das Ende der Geschichte hin oder sind einige von ihnen vielleicht überflüssig oder zu lang?

  • Ist jede einzelne Szene so aufgebaut, dass sie einen eigenen Spannungsbogen enthält und den Leser*innen etwas Wichtiges vermittelt?

  • Sind die Motivationen der Figuren gut nachvollziehbar?

  • Habe ich beim Lesen Bilder vor Augen? Wenn nicht, wie kann ich diese durch mehr Sinneseindrücke und „Show, don’t tell” entstehen lassen?

  • Habe ich die Erzählperspektive beibehalten?




Schritt 3: Ruhen lassen


Ja, noch mal!



Schritt 4: Sprachliche Überarbeitung


Erst wenn der Inhalt steht, sollte man sich an die sprachliche Überarbeitung machen, da man sonst viel Energie in Passagen steckt, die vielleicht vollständig umgeschrieben oder sogar gestrichen werden. Hier fällt es uns oft schwer, uns von unserem eigenen Stil zu lösen und die Sätze nüchtern aus Lesersicht zu betrachten. Auch dafür ist die Pause zwischen inhaltlicher und sprachlicher Überarbeitung gut: Wenn wir die Sätze nicht mehr im Ohr haben, können wir sie besser beurteilen.


Ein hilfreicher Trick ist es, sich das Ganze laut vorzulesen. Dabei fällt einem viel schneller auf, ob man über Formulierungen stolpert, ob alle Bezüge klar sind, ob Sätze so kompliziert strukturiert sind, dass man den Faden verliert. Man kann sich den Text auch von Word vorlesen lassen, allerdings wird das Programm nicht innehalten, wenn etwas unklar ist.


Hilfreiche Fragen:

  • Ist der Text verständlich? Drückt er die Emotionen aus, die ich vermitteln möchte?

  • Haben die Sätze eine angenehme Länge? Wechseln kurze und lange Sätze sich ab und erhöhen so die Dynamik des Textes?

  • Passen die Verben? Gibt es hier und da vielleicht ein Verb, das noch besser passt?

  • Brauche ich dieses Adverb oder kann ich es streichen, wenn ich ein passenderes Verb finde?

  • Brauche ich dieses Adjektiv? (Faustregel: Nicht mehrere Adjektive hintereinander reihen. Wenn da zwei stehen, kann meistens mindestens eins gestrichen werden.)

  • Klingen die Dialoge glaubwürdig für die Figuren?

  • Benutze ich in den Begleitsätzen für die Dialoge meistens „sagen” und keine anderen Verben? (Faustregel: „Sagen” ist ein tolles Verb, man muss sich kein anderes aus den Rippen schneiden, es darf wiederholt werden.) Kann ich hier und da vielleicht einen Begleitsatz ganz streichen?

  • Stimmen meine Bilder und Metaphern?

  • Passt die Sprache zur jeweiligen Passage im Text? Sind spannende Sequenzen geprägt von kurzen Sätzen und starken Verben, bringen längere Sätze und Beschreibungen Ruhe in weniger dynamische Passagen?




Schritt 5: Korrigieren


Es gehört zum guten Ton, dass man sein Manuskript korrigiert, bevor man es jemandem zum Lesen gibt. Das Mindeste ist eine softwareinterne Rechtschreibprüfung, noch besser ist ein Durchlauf mit dem Duden-Korrektor, der auch in diversen Schreibprogrammen integriert ist und für zum Beispiel Word online erworben werden kann. Aber auch eine händische Korrektur ist zu empfehlen, wobei klar ist, dass Autoren viele Fehler in eigenen Texten übersehen. Das ist nur menschlich und ganz normal.


Hilfreich ist hier die Suchen-Ersetzen-Funktion. Viele von uns neigen dazu, immer dieselben Fehler zu machen. Ich zum Beispiel schreibe gerne „mit” statt „mir” und umgekehrt – ein Fehler, den keine Korrektursoftware erkennt. Wenn ihr solche Fehler bei euch kennt, bietet die Suchen-Ersetzen-Funktion eine schnelle Lösung, um jedes „mit” und „mir” zu überprüfen, ohne den ganzen Text lesen zu müssen und den Fehler dann doch zu übersehen, weil das Gehirn im Lesefluss die Bedeutung einfügt, obwohl das Auge das Wort noch gar nicht wirklich gelesen hat. Auch für „dass” oder „das” nach einem Komma eignet sich diese Vorgehensweise hervorragend.


Hilfreiche Fragen:

  • Bin ich mir über die Rechtschreibung eines Wortes wirklich sicher, oder lohnt es sich, schnell im Duden nachzuschlagen?

  • Habe ich die Zeichensetzung bei der wörtlichen Rede immer korrekt gemacht?

  • Sind alle Namen und von mir eventuell erfundenen Wörter wirklich immer gleich geschrieben?

  • Sind alle Absätze und Umbrüche korrekt gesetzt?

  • Kann ich Ausrufezeichen durch Punkte ersetzen? (Faustregel: Ein Ausrufezeichen sollte nur in seltenen Fällen dazu benutzt werden, einem normalen Hauptsatz mehr Dringlichkeit zu geben. Beendet auch Hauptsätze mit einem Punkt, die geschrien oder gerufen werden.)



Wieso dieser Aufwand?


Vielleicht fragen sich einige von euch jetzt, wieso dieser Aufwand nötig ist, wenn ihr sowieso plant, einen Lektor oder eine Lektorin zu engagieren oder die Überarbeitung von einem Verlag machen zu lassen. Dafür gibt es drei gute Gründe.


1. Der Erfolg

Wenn ihr auf eine Verlagsveröffentlichung hinarbeitet, ist ganz klar, dass ein Verlag ein gut überarbeitetes Manuskript einer schlampigen, fehlerreichen ersten Fassung vorziehen wird. Ihr demonstriert damit, dass ihr das Schreiben ernst nehmt und Wert auf Qualität legt. Und gut überarbeitete Manuskripte machen Verlagen weniger Arbeit, auch das ist für jeden Verlagslektor ein wichtiges Argument.


2. Die Kosten

Auch wenn ihr Selfpublisher seid und einen Lektor oder eine Lektorin bezahlen wollt, ist es sinnvoll, selbst noch mal Hand an den Text zu legen. Wir berechnen unsere Seitenpreise oft nach dem Aufwand, den ein Text beim Lektorieren machen wird. Je mehr Aufwand, desto teurer wird es. Wenn ihr aber selbst schon viel ausgebügelt und korrigiert habt, wird unsere Arbeit einfacher, und für euch sinken die Kosten.


3. Die Qualität

Lektorieren ist ein bisschen wie Putzen. Wenn man als Reinigungskraft in ein total zerrocktes Hotelzimmer kommt, in dem Led Zeppelin eine Party gefeiert hat, dann ist so viel zu tun, dass die letzten Feinschliffe und Perfektionen auf der Strecke bleiben müssen. Da ist man froh, wenn man die Weinflecken aus dem Teppich kriegt, und rückt eben nicht noch mal die Kommode vor, um dahinter zu saugen. Wenn der Gast aber freundlich war und seine Wäsche weggeräumt und seine Handtücher aufgehängt hat, dann kann ich als Reinigungskraft mich ganz anders im Zimmer umsehen. Erst dann fallen mir die Kleinigkeiten auf, die aus einem sauberen Zimmer ein perfektes Zimmer machen.


Ein Hoch auf Reinigungskräfte!


Wie immer gilt: Wenn ihr ein Thema habt, über das ich unbedingt einen Blogbeitrag schreiben soll, lasst es mich wissen.


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