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Wortwiederholung – Stilmittel oder Stilblüte?

Teil der Aufgabe eines stilistischen Lektorats ist das Überprüfen und eventuelle Ausbessern von Wortwiederholungen. Im Vorgespräch fragen Autor*innen mich immer wieder danach mit der Befürchtung, ihr persönlicher Schreibstil würde dadurch verändert werden. Aber diese Sorge ist unbegründet. Tatsächlich gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Wortwiederholungen, die als Stilmittel verwendet werden, und denen, die einfach schlechter Stil sind: die Absicht.




Wortwiederholung als Stilmittel


Wenn wir ein Wort in kurzen Abständen in unseren Texten wiederholen, hat das eine Wirkung: Es verstärkt dieses Wort. Schauen wir uns ein Beispiel an:


Natürlich war es seine Schuld. Er hatte den Streit begonnen, er hatte sie beschimpft, er hatte die Tür zugeknallt.


Die dreimalige Wiederholung von „er” betont ihn als Subjekt. Hier schwingt mit: Nicht sie, sondern er hat all diese Dinge getan.


Diese Verstärkungen funktionieren in vielen verschiedenen Kontexten und auf viele verschiedene Weisen. Eine schöne Liste findet ihr im Blog von Wortwuchs. Was all diese Formen der Wortwiederholung gemeinsam haben, ist, dass sie absichtlich gesetzt werden. Im Lektorat kann überprüft werden, ob die Wortwiederholung ihren Zweck auch erfüllt – wenn das nicht so ist, merke ich das normalerweise in einem Kommentar an. Denn natürlich kann man ein Stilmittel auch übertreiben oder falsch anwenden und damit etwas hervorheben, das gar nicht so viel Aufmerksamkeit verdient.



Wortwiederholung als Stilblüte


Viel häufiger kommt es allerdings vor, dass ein Wort ohne Absicht wiederholt wird. Hierbei handelt es sich oft um Hilfsverben, Partikel, Adverbien und dergleichen. Also Wörter, die nicht betont werden sollen. Da beginnen zwei aufeinanderfolgende Sätze mit „danach”, in einem Absatz kommt mehrmals das Wort „regelrecht” vor oder ein Teilwort wird wiederholt, zum Beispiel „Hundehütte” und „Hundenapf”. Diese Art der Wiederholung wirkt auf die Leser*innen eintönig und ermüdend, weswegen beim Überarbeiten (von Autor*innen selbst oder im Lektorat) darauf besonders geachtet werden sollte. Oft hilft das Streichen, manchmal kann man Sätze umbauen oder Synonyme finden. Aber:




Achtung: Die Synonym-Falle


Einige Schreibprogramme wie Papyrus oder Patchwork markieren in der Stilanalyse jede Wiederholung und ermutigen Autor*innen damit dazu, alle Wiederholungen auszumerzen. Das ist nicht immer eine gute Idee. Einerseits kann das Programm natürlich nicht unterscheiden, wann ihr die Wiederholung als Stilmittel verwendet, andererseits verleitet es zu manch merkwürdiger Synonym-Wahl. Da wird dann aus „meiner Tante” die „Schwester meines Vaters” oder gar die „älteste Tochter meiner Großeltern”. Anstatt den Namen einer Person zu wiederholen, wird sie plötzlich zu „der blonden Frau” oder „der Sprengstoffspezialistin”, es wird also auf körperliche Attribute oder den Beruf zurückgegriffen, anstatt den Namen zu nennen. Manchmal werden die Synonyme so umständlich, dass sie von der Geschichte ablenken, unabsichtlich komisch wirken und so das Ziel untergraben: ein flüssiges Leseerlebnis.


Als Gegenbeispiel möchte ich Cormac McCarthys „Die Straße” anbringen. Die beiden Hauptfiguren in diesem Buch haben keine Namen. Sie heißen nur „der Mann” und „der Junge”. McCarthy pflegt einen gradlinigen Stil, schnörkellos und direkt. Ich habe nicht gezählt, wie oft in diesem Buch das Wort „Junge” steht. Oft. Sehr oft. Aber es wirkt nicht störend, sondern konsequent.


Will heißen: Nicht jede Wortwiederholung muss ausgemerzt werden, vor allem dann nicht, wenn eine Änderung den Stil nur verschlechtern würde. Wie überall im Leben kommt es auf die Balance an.


Ihr habt eine Frage, die ich in einem Blogbeitrag beantworten soll? Schickt mir eine E-Mail.


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