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Duzen, Siezen, Ihrzen – Anredeformen in fiktionalen Geschichten

  • vor 19 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Vor allem in der Fantasy, aber auch in vielen anderen Genres müssen wir uns immer wieder entscheiden, wie sich Figuren ansprechen und welche Höflichkeitsformen Sie verwenden. Die deutsche Sprache bringt gleich drei verschiedene Anredeformen mit, die wir benutzen können. Doch welche eignen sich wo und was gilt es zu beachten? Das besprechen wir in diesem Blogbeitrag.





Duzen und Siezen


Aus unserem Alltag kennen wir diese beiden Formen sehr gut. Wir benutzen und hören sie täglich und haben ein intuitives Gespür dafür, welchen Bekanntheitsgrad es braucht, um vom einen ins andere zu wechseln. Deswegen will ich eure Zeit gar nicht mit einer tiefen Analyse verschwenden.

 

Spannend wird es, wenn wir unsere Geschichten in anderen Kulturkreisen spielen lassen, die keine Höflichkeitsformen kennen, zum Beispiel in englischsprachigen Räumen. Hier gibt es nur „you“, egal ob man mit dem eigenen Kind, einer Richterin oder dem König von England spricht. Im Deutschen können wir diese Konvention nicht so einfach übernehmen, denn unsere Lesenden sind anderes gewohnt. Es würde ihnen schlichtweg negativ auffallen, wenn sich eure Figuren über die Regeln der Höflichkeit hinwegsetzen würden.

 

Deswegen gilt hier: Benutzt die Höflichkeitsformen so, wie sie euch im Deutschen begegnen würden, mit einer leichten Abschwächung hin zu Du. Auch Vorgesetzte und Untergebene duzen sich eher. Wenn ihr eine gewisse Distanz beibehalten wollt, gibt es die Möglichkeit, dass die Figuren sich trotzdem mit dem Nachnamen ansprechen, ohne allerdings Titel wie „Mr.“ oder „Mrs.“ zu benutzen.

 

Und achtet beim Überarbeiten unbedingt auf die Schreibung. „Du“ und seine verwandten Formen werden in Prosatexten immer kleingeschrieben, außer sie stehen am Satzanfang. Die Höflichkeitsfloskel „Sie“ und ihre Formen werden allerdings großgeschrieben. Oft macht diese Großschreibung einen Unterschied in der Bedeutung eines Satzes. Seid deswegen gründlich bei der Korrektur eurer Texte.



Ihrzen


Diese im Deutschen veraltete Form begegnet uns vor allem in den fantastischen Genres, wenn Figuren von besonderem Status auftreten, also Mitglieder von Königshäusern etc. Auch in historischen Genres findet die Form viel Beliebtheit.

 

Wenn ihr in historischen Settings schreibt, lohnt es sich, zu recherchieren, welche Anreden zu der Zeit tatsächlich benutzt wurden und welche Autoritätsunterschiede sie damals anzeigten. Zum Beispiel haben über lange Zeit Kinder ihre Eltern gesiezt, und der König, der natürlich geihrzt wurde, hat seine Gegenüber in der dritten Person Singular angesprochen. Macht euch mit den damaligen Konventionen vertraut. Ob ihr sie auch tatsächlich verwendet, liegt natürlich an euch. Denkt immer an die Lesbarkeit eures Textes, aber trefft Entscheidungen bewusst und auf Grundlage eines fundierten Wissensstands.

 

In fantastischen Welten habt ihr prinzipiell Narrenfreiheit. Wenn ihr möchtet, dass die Königsfamilie geihrzt wird, dürft ihr das so entscheiden. Aber bedenkt auch hier Hierarchie. Ist diese Ansprache ein Resultat der Ehrerbietung? Dann ist sie wahrscheinlich bestimmten Personen von Rang vorbehalten und nicht jeder Mensch auf der Straße ihrzt den nächsten. Und wie sprechen die Geihrzten ihre Gegenüber an? Wird ein Mitglied der Königsfamilie auch den niederen Minister ihrzen?

 

Macht euch also Gedanken über die Konventionen eurer Welt. Wie sind die Statusverhältnisse aufgebaut? Gibt es starke Unterschiede oder beinahe keine? In letzterem Fall könnte es sogar spannend sein, ganz auf Höflichkeitsformen zu verzichten, um die Gleichheit der Figuren zu betonen. Nehmt die Verhältnisse in eurer Welt als Grundlage und stellt ein festes Regelwerk auf, anstatt einfach nach dem Bauchgefühl zu gehen.

 

Und denkt daran: Auch diese Höflichkeitsform und ihre Beugungen werden immer großgeschrieben.

 



Hauptsache Konsistenz

 

Wenn ihr nur nach dem Bauchgefühl geht, geht es meist drunter und drüber. Figuren, die sich gerade noch gesiezt haben, ihrzen sich plötzlich oder fallen ins Du, später dann wieder ins Sie, ohne dass es dramaturgisch Sinn ergibt. So was fällt den Lesenden natürlich auf, und es wirkt sehr irritierend.

 

Ich empfehle deswegen allen, die lange Bücher oder sogar mehrere Bände in Welten schreiben, in denen komplexere Anredekonventionen herrschen, eine Matrix zu erstellen. Das geht zum Beispiel ganz einfach in einer Excel-Tabelle. In dieser Matrix könnt ihr dann für jede Figur eintragen, wie sie eine andere anspricht und wann eine Ansprache wechselt – zum Beispiel vom Siezen zum Duzen. So habt ihr eine verlässliche Quelle und müsst nicht lange im eigenen Manuskript rumsuchen.



Ansprache als Beziehungsindikator

 

Im Deutschen gibt es den klassischen Wechsel vom Sie zum Du, wenn Personen sich näherkommen und sich besser kennenlernen. Die Regel besagt, dass die Person von höherem Status das Du anbieten muss, nicht andersrum – eine logische Folge der Implikationen, die Machtverhältnisse mit sich bringen. Bei Personen von ähnlichem Status dürfen beide das Angebot machen. Ob und wie ihr diesen Wechsel inszeniert, ist abhängig von eurer Geschichte und der Relevanz, die dieser Moment hat. Zwei Figuren können auch ohne große Absprache vom Sie zum Du wechseln, wenn es die Geschichte hergibt. Aber es sollte dann beibehalten werden. Gerade in romantischen Beziehungen ist dieser Moment relevant, weil er eine wachsende Vertrautheit verdeutlicht. Schenkt ihm also Beachtung.

 

Wie Figuren sich ansprechen und wie diese Ansprache wechselt, kann sehr spannende Implikationen für deren Beziehung haben. Stellt euch zum Beispiel einen Streit zwischen dem Thronfolger und der Königin vor. Wahrscheinlich duzen sich die beiden, denn sie haben ein enges Verhältnis, aber zum Ende des Streits sagt der Sohn einfach nur: „Wie Ihr wünscht, Eure Majestät.“ Hier ist die Anrede Ausdruck von Missbilligung, sie demonstriert, dass der Sohn nur wegen der Machtposition seiner Mutter Folge leistet oder ihr insgeheim vorwirft, dass sie diese Machtposition missbraucht. Die Anrede ist hier also ein Resultat der Gefühle der Figur.

 

Ebenso geht es in die andere Richtung. Der Diener, der die Königin in ihrem Schlafgemach ersticht, könnte ihr zuraunen: „Das ist dein Ende, du Lügnerin.“ Der Verzicht auf die Höflichkeitsform hebt hier den Wechsel der Machtverhältnisse hervor. Auch ein Verlust an Respekt, eine plötzliche Erkenntnis oder die Enthüllung der wahren Identität einer Figur können zu einem Wechsel in der Anrede führen.

 

 

Fazit

 

Wie bei eigentlich allem, was ihr in euren Geschichten tut, gilt auch für die Anrede: Geht bewusst damit um und trefft Entscheidungen. Legt ein Regelwerk fest und haltet euch daran, und wenn ihr mit diesen Regeln brecht, dann tut es mit Absicht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.



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