Komplexe Figuren gestalten
- vor 1 Tag
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Über die Ausarbeitung von Figuren sind schon ganze Bücher geschrieben worden. Es ist ein ausladendes Thema, mit dem man sich jahrelang beschäftigen kann. Trotzdem möchte ich in diesem Artikel zusammenfassen, was die wichtigsten Punkte sind und worauf ihr schon bei der Planung eurer Geschichte achten könnt.
Die Hauptfigur
Wie man eine komplexe und interessante Hauptfigur gestaltet, habe ich bereits in einem früheren Artikel besprochen. Lest gerne dort noch mal nach, wenn ihr es ausführlich wissen wollt. Hier fasse ich die wichtigsten Punkte noch einmal knapp zusammen.
Besonders für die Hauptfigur ist es wichtig, dass sie nicht zu glatt gestaltet ist. Niemand möchte einer perfekten Figur 400 Seiten lang dabei zusehen, wie sie alles richtig macht. Stattdessen sollte die Figur Ecken und Kanten haben, Fehler machen und falsche Entscheidungen treffen, alles auf der Grundlage eines nachvollziehbaren, konsistenten Charakters. Protagonist*innen sollen Schwächen haben. Nur dank ihrer Schwächen wird die Geschichte spannend.
Fragt euch bei der Gestaltung eurer Hauptfigur:
Welchen tiefen Glaubenssatz trägt die Figur in sich?
Wovor hat sie die größte Angst?
Mit welchen Methoden hat sie diese Angst bisher bewältigt?
Aus den Antworten auf diese Fragen ergibt sich ganz automatisch, wie die Figur den Aufgaben und Problemen begegnet, die der Plot ihr in den Weg wirft.
Aber was passiert, wenn die Lesenden die Hauptfigur nicht mögen, weil sie nicht perfekt ist? Ganz ehrlich: Dann ist das so. Eure Hauptfigur ist nicht dazu da, gemocht zu werden, sondern ihre Geschichte zu erleben. Genau wie ein Mensch nicht von jedem gemocht werden kann, so wird es auch Lesende geben, die eure Protagonist*innen nicht leiden können. Ihr werdet es niemals allen recht machen können. Demzufolge ist es besser, die Figur in all ihrer Komplexität auszuarbeiten und dabei vielleicht ein paar Lesende zu verlieren, anstatt sie so schwammig gut zu gestalten, dass ihr am Ende ein echtes Profil fehlt.
Einige der besten Geschichten, die ich je gelesen habe, hatten Hauptfiguren, mit denen ich im echten Leben nicht in einen Aufzug steigen würde. Man muss eine Figur nicht mögen, um Empathie zu empfinden und ihr Schicksal verfolgen zu wollen.
Jede Figur ist die Hauptfigur
Nein, höre ich euch sagen, ich habe in meinem Buch nur eine einzige Hauptfigur. Das bestreite ich nicht. Was ich meine, bezieht sich auf das innere Erleben der anderen Figuren in eurer Geschichte. Denn niemand empfindet sich selbst als NPC. In unseren eigenen Geschichten sind wir natürlich die Protagonist*innen. Und das gilt auch für die Nebenfiguren in unseren Büchern.
Deswegen solltet ihr unbedingt vermeiden, Figuren in die Geschichten einzubauen, die nur eine Funktion verfolgen und als reine Assistenten der Hauptfigur auftreten. Jede Figur braucht ihr eigenes Ziel. Das kann natürlich mit dem Ziel der Hauptfigur identisch sein, zum Beispiel das Bezwingen eines Feindes oder der Sieg in einem Krieg, aber auf anderen Ebenen haben die Nebenfiguren andere innere Beweggründe, und die werden die Art und Weise prägen, wie die Figur sich verhält – wie viel Gewalt sie anwendet, wie schnell sie sich entmutigen lässt, wie viel Freude sie beim Verfolgen des Ziels empfindet.
Stellt euch die oben aufgelisteten Fragen also nicht nur für die Hauptfigur, sondern für alle wichtigen Figuren, und erarbeitet so einen komplexen Charakter mit eigenen Zielen, Stärken, Schwächen und Motivationen.

Die bösen Antagonist*innen
Was für die Nebenfiguren gilt, gilt auch für die Antagonist*innen. Auch sie sehen sich selbst als Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte. Und in diesem Punkt liegt eine wichtige Erkenntnis: Niemand glaubt von sich selbst, der Bösewicht zu sein. Das bedeutet: Antagonist*innen, die ihr Ziel nur aus reiner Boshaftigkeit verfolgen, sind ziemlich langweilig. Nun, zugegeben, manchmal sind sie auch ziemlich faszinierend, man denke zum Beispiel an den Joker aus dem Film „The Dark Knight“, aber generell rate ich euch, euren Antagonist*innen ein Glaubenskonstrukt zu geben, in dem sie sich selbst als die Guten sehen können. Das mag verschroben und lückenhaft sein, es mag auf falschen Tatsachen beruhen oder auf längst vergangenen Traumata, aber es sollte in jedem Fall eine innere Rechtfertigung für ihr Handeln liefern.
Daraus folgt eine weitere wichtige Erkenntnis: Aus der Sicht der Antagonist*innen ist die Hauptfigur der Bösewicht. Sie ist zu naiv, sie steht dem Fortschritt im Weg, sie gefährdet den Status quo – all das sind Meinungen, die Antagonist*innen über Protagonist*innen haben können. So ehrenhaft wir unsere Hauptfiguren auch gestalten, sie sind immer auch die Bösen in der Geschichte von jemand anderem.
Wie arbeite ich eine Figur aus?
Wie geht man also die Aufgabe an, eine Figur zu gestalten, ihr einen komplexen Charakter zu geben und sie nachvollziehbar handeln zu lassen? Das hängt ein bisschen davon ab, wie schnell es euch gelingt, die Figur in eurem Schreiben zu erspüren. Manchen fällt das leicht und sie brauchen nicht viel Vorarbeit, andere gehen tief in die Entwicklung hinein. Hier ein paar Techniken, die euch helfen können.
Grundlage ist ein Lebenslauf, in dem ihr die wichtigsten Umstände der Vorgeschichte der Figur zusammenfasst. Dazu gehören vor allem die Familienverhältnisse, sofern es so was gibt, die Lebensumstände in der Kindheit, Bildung, soziale Herkunft und kulturelle Prägung. Setzt auch hier auf Konkretes, anstatt zu allgemein zu bleiben, führt euch also die Geschichte der Figur bildlich vor Augen. Natürlich gehört in diesen Prozess auch das Nennen von Traumata, die die Figur erlebt hat.
Falls euch das nicht reicht, könnt ihr Briefe aus Sicht der einzelnen Figuren schreiben, an euch als Autor*in oder an andere Figuren. Lasst die Figur selbst erzählen, wie sie ihr Leben oder bestimmte Ereignisse aus eurem Plot erlebt hat. Dies hilft auch ungemein dabei, den Ton der Figur zu finden, ihr eine eigene Sprache zu geben und ihr mehr Leben einzuhauchen.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, eine Szene aus eurer Geschichte aus der Sicht einer anderen Figur zu schreiben – nicht, um sie so im Buch zu lassen, sondern nur als Übung, um die Beweggründe der Figur in dieser Szene besser zu verstehen und in der Originalversion anzupassen. Das ist vor allem dann eine gute Methode, wenn ihr das Feedback von Testlesenden bekommen habt, dass sie eine bestimmte Reaktion nicht verstehen. Indem ihr die Perspektive der Figur einnehmt, könnt ihr ihren Gedanken und Gefühlen auf den Grund gehen.
Klischees hinterfragen
Wenn wir bei der Entwicklung der Figuren zu schnell vorgehen, kann es leicht dazu kommen, dass wir in Klischees verfallen. Dann ist die einzige Frau im Team natürlich die Heilerin, die sich um die kämpfenden Männer kümmert, oder der grobschlächtige Ork ist derjenige, der nichts mit Kunst anfangen kann. Nehmt euch bei der Ausgestaltung der Figuren also einen Moment Zeit und hinterfragt euch. Habt ihr bestimmte Eigenschaften nur gewählt, weil sie Klischees entsprechen? Und gibt es eine Möglichkeit, diese Klischees aufzubrechen?
Natürlich spielt der Weltenbau eurer Geschichte hier eine wichtige Rolle – der bringt eventuell eigene Regeln mit sich, die bestimmte Attribuierungen sinnvoll oder sogar unumgänglich machen. Und natürlich steht es euch frei, Klischees bewusst zu bedienen, wenn das Teil eures Storytellings ist. Ich denke immer gerne an einen Satz von Chimamanda Ngozi Adichie zurück, der auf Deutsch ungefähr so lautet: „Das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie falsch sind, sondern dass sie unvollständig sind.“ Wenn ihr also auf Klischees zurückgreift, dann stellt sicher, dass die Figuren nicht darauf reduziert werden.
Wie viel Backstory muss ins Manuskript?
Wenn man schon so viel Arbeit in die Entwicklung der Figuren gesteckt hat, ist man schnell geneigt, das alles auch ins Buch packen zu wollen. Aber wenn wir die Backstory jeder einzelnen Figur erläutern, kommen wir schnell sehr weit weg von der eigentlichen Geschichte und laufen Gefahr, unsere Lesenden zu langweilen. Es gibt zwei Faustregeln, an denen ihr euch orientieren könnt: so viel Backstory wie nötig, aber so wenig wie möglich. Und: Je zentraler die Figur für die Handlung ist, desto wichtiger ist die Backstory.
In jedem Fall wollt ihr vermeiden, den Lesenden an jeder Ecke zu erklären, wieso die Figuren so handeln, wie sie handeln. Nach dem Motto: Das tut sie nur, weil ihr Vater immer so gemein zu ihr war. In den meisten Fällen dient die viele Vorarbeit ausschließlich dazu, euch einen Rahmen zu geben, in dem ihr die Figur agieren lasst. Als Beispiel: Heath Ledger hat sich bei der Ausarbeitung seiner Rolle als der Joker in „The Dark Knight“ wahrscheinlich eine umfangreiche Backstory überlegt, damit er die Figur so überzeugend darstellen konnte. Im Film sieht man einen Funken davon in der Szene, als er erklärt, woher die Narben in seinem Gesicht stammt – obwohl wir nicht sichergehen können, dass diese Geschichte wahr ist. Aber im Film selbst und vor allem für Batman bleibt die Geschichte des Jokers ein Mysterium. Wir verstehen nicht wirklich, was ihn antreibt, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er ist. Und das ist auch gar nicht nötig.
Wägt also ab, wie viel der Backstory ihr erzählen wollt und ab wann es zu erklärend wird. Erlaubt es euren Lesenden, sich ein paar Dinge selbst zu erschließen, und vertraut darauf, dass die Darstellung eurer Figuren für sich sprechen kann, ohne erläutert werden zu müssen.
Auch die Art und Weise, wie ihr die Backstory in die Geschichte einbaut, trägt viel dazu bei, wie glaubwürdig und organisch sie wirkt. Es braucht nicht immer ein ausladendes Geständnis am Lagerfeuer, in dem die Vergangenheit detailreich beschrieben wird. Behaltet im Hinterkopf, dass sich viele Menschen ihrer eigenen Traumata und Mechanismen gar nicht bewusst sind oder sie nicht vor jedermann preisgeben wollen. Schreibt also nicht das Trauma, sondern die Bewältigungsstrategien. Hat eine Figur zum Beispiel in der Kindheit hungern müssen, wird Nahrungsbeschaffung ein zentrales Thema in ihrem Leben sein. Sie wird immer herausfinden wollen, wie sie an ihre nächste Mahlzeit kommt. War eine Figur lange eingesperrt, sucht sie sich vielleicht immer den Schlafplatz, der am nächsten an der Tür liegt. Und das gilt nicht nur für Traumata, sondern für alle verinnerlichten Verhaltensweisen, die aus der Geschichte einer Figur resultieren. Solch kleine Details machen Figuren dreidimensional und lebensecht.
Fazit
Mit den Figuren steht und fällt eure Geschichte. Ihnen wollen die Lesenden folgen, ihre Schicksale wollen sie miterleben. Je mehr Gedanken ihr euch über ihre Gestaltung macht, desto reichhaltiger wird eure Geschichte. Nehmt euch also die Zeit, zumindest die zentralen Figuren eurer Geschichten intensiv auszuarbeiten und ihnen komplexe, dreidimensionale Innenleben zu schenken.
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