Erzählerische Nähe erkennen und erzeugen
- 16. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Vielleicht kennt ihr dieses diffuse Gefühl, wenn ihr eine Geschichte lest: Der Plot ist spannend, die Figuren sind komplex und interessant, aber irgendwie packt es euch nicht. Ihr seid emotional nicht dabei und betrachtet das, was auf der Seite passiert, aus großer Entfernung.
Für dieses Phänomen gibt es viele Gründe, aber einer, der mir immer wieder begegnet, ist der falsche Umgang mit erzählerischer Nähe und Distanz. Was das ist und wie man eine gute Balance wahrt, damit beschäftigen wir uns hier.
Erzählerische Nähe – Was ist das?
Mit erzählerischer Nähe – oder dem Gegenteil, der erzählerischen Distanz – beschreibt man, wie nah sich die Lesenden den Figuren und dem Geschehen in der Geschichte fühlen. Man kann es ein bisschen wie eine Kameraeinstellung beschreiben: Betrachten wir als Lesende das Geschehen in einer Totalen, also aus einer gewissen Entfernung, oder sehen wir es in einer Großaufnahme, die uns weniger Raum, dafür aber mehr Details zeigt?
Das bedeutet, bei höherer erzählerische Nähe gehen wir dichter an die Figuren heran. Dadurch werden sie spürbarer, die Handlung wird mitreißender erzählt und die Lesenden geraten im besten Fall in einen Sog, der sie komplett in die Geschichte eintauchen lässt.
Eine höhere erzählerische Distanz ähnelt einem eher berichtenden Stil. Es fühlt sich nicht so an, als würde die Handlung erzählt, sondern als würde ÜBER die Handlung erzählt. Dadurch können die Lesenden sich nicht so tief einfühlen und sind weniger emotional berührt.
Wann ist wie viel erzählerische Nähe angemessen?
Ob wir näher oder distanzierter erzählen, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. An erster Stelle steht das Genre. Ein YA-Romance-Manuskript braucht mehr erzählerische Nähe als ein Zeitungsartikel oder ein Sachbuch über Steuerrecht. Aber auch innerhalb der fiktionalen Genres gibt es Unterschiede. Gerade in dem, was das Feuilleton „gehobene Literatur“ nennt, begegnet uns häufiger eine erzählerische Distanz, während in Genres, die mitreißen wollen (Romance, Krimis, Thriller, Abenteuer), mehr erzählerische Nähe eingesetzt wird.
Und auch innerhalb eines Manuskripts sollte die erzählerische Nähe bewusst eingesetzt werden, damit die Lesenden nicht überfordert werden und ihre emotionale Reaktion genau gelenkt wird. So darf zum Beispiel in Rückblicken, Zeitraffern oder sehr informationsreichen Passagen gerne ein distanzierterer Blickwinkel eingenommen werden.
Da ich mich hauptsächlich mit fiktionalen Texten beschäftige, möchte ich im Folgenden vor allem darauf eingehen, wie man in diesen eine höhere erzählerische Nähe erzeugen kann, denn ein Mangel dieser Nähe ist das Problem, das mir am häufigsten begegnet.

Wie erzeuge ich erzählerische Nähe?
Um erzählerische Nähe herzustellen, können wir viele Techniken benutzen, über die ich in diesem Blog bereits geschrieben habe. Sie erstrecken sich von der Szenenstruktur über die Erzählperspektive und das Tempus bis hin zu Fragen des Satzbaus und der Wortwahl. Dies bietet euch eine breite Auswahl an Möglichkeiten, mit erzählerischer Nähe und Distanz zu spielen.
„Show, don’t tell“
Der Name dieses Prinzips ist Programm. Es hält dazu an, dass die Geschehnisse der Geschichte gezeigt werden, anstatt nur darüber zu berichten. Dies tun wir, indem wir Details beschreiben, anstatt nur faktisch festzustellen, was geschieht. „Es geschah ein Auffahrunfall“ ist viel weniger packend als: „Er trat so fest auf die Bremse, wie er konnte, aber es reichte nicht aus. Mit einem lauten Knall prallte der Wagen in das Heck des Transporters, und sein Gesicht wurde in den Airbag gedrückt.“
An diesem knappen Beispiel kann man deutlich sehen, dass es die Details sind, die hier den Unterschied machen. Sie rufen Bilder im Geist der Lesenden wach und erzeugen dadurch Emotionen.
Wer sich noch genauer über das Prinzip „Show, don’t tell“ informieren möchte, kann sich dieser drei Artikel durchlesen, die ich zu dem Thema geschrieben habe:
Szenisches Erzählen
Ein weiterer wichtiger Punkt, der beinahe ein Teilbereich von „Show, don’t tell“ ist, ist das szenische Erzählen. Hier geht es darum, welchen Teilen einer Geschichte man eine Szene widmet und welchen nicht, welche man also genauer beleuchtet und wie das zur Spannung beiträgt.
Eine Handlung ist im Endeffekt eine Abfolge von wichtigen Ereignissen, die logisch aufeinander aufbauen. In der Theorie spricht man von Plot Points und Turning Points, von Höhepunkten und Wendepunkten, von Offenbarungen und Hooks etc. All dies sind wichtige Momente in einer Geschichte, und diese Momente sollten szenisch erzählt werden.
Das bedeutet, dass die Lesenden ihnen beiwohnen wollen. Sie sollten nicht in Rückblicken erzählt werden, sollten nicht nur Teil eines Berichts einer Figur sein, sondern sollten so dargestellt werden, dass die Lesenden direkt in die Handlung involviert sind, also präsentiert bekommen, was passiert. Stellt euch vor, die finale Schlacht würde nicht gezeigt, sondern vom Helden später in einer Schenke berichtet werden. Wäre das befriedigend?
Natürlich gibt es Ausnahmen. Auch in einem Rückblick oder in der wörtlichen Rede kann, szenisch erzählt werden, aber es ist schwieriger und braucht sehr viel ausgefeiltes Schreibhandwerk.
Und besonders wichtig: Die handlungstreibenden Elemente der Geschichte dürfen nicht im Off passieren. Die beiden Liebenden ziehen sich von der Party zurück für ihren ersten Kuss? Da wollen wir dabei sein und nicht mit den Freunden zurückbleiben, die sich auf die Schenkel klopfen und darüber spekulieren, was da nun passiert.
Dialoge
Indirekte Rede ist der Todfeind der erzählerischen Nähe. Sobald ihr einen Dialog verlasst und in die indirekte Rede wechselt, um zum Beispiel eine Erklärung zusammenzufassen, tretet ihr einen Schritt von den Figuren zurück und erzeugt dadurch Distanz. Das mag hier und da notwendig sein, um die Lesenden nicht mit Inhalten zu langweilen, die sie schon kennen, aber seid sparsam mit indirekter Rede und seid euch dieses Effekts bewusst.
Dialoge selbst hingegen bringen die Lesenden immer nah an die Figuren heran. Achtet darauf, dass die wörtliche Rede natürlich klingt und dass jede Figur eine individuelle Stimme bekommt. Mehr zu Dialogen findet ihr in diesen drei Blogbeiträgen:
Die Erzählperspektive
Auch die Wahl der Erzählperspektive hat Auswirkungen auf die erzählerische Nähe. Bestimmte Perspektiven bringen von Haus aus eine größere Nähe mit, anderer verlangen quasi eine höhere Distanz.
Wer besonders viel erzählerische Nähe erzeugen will, hält sich lieber fern vom allwissenden Erzähler. Weil er eine Helikopterposition einnimmt und über dem Geschehen schwebt wie ein Gott, hat er von Natur aus eine höhere Distanz. Außerdem kann er weniger elegant in Köpfe schauen und Emotionen der Figuren wahrnehmen.
Besser sind die personale Perspektive oder ein*e Ich-Erzähler*in. Beide können sehr hohe erzählerische Nähe aufbauen, weil sie näher an den Figuren dran sind. Vor allem die hoch emotionalen Genres wie Romance und YA-Fantasy setzen auf die Ich-Perspektive im Präsens. Das Tempus bringt eine zusätzliche Unmittelbarkeit in das Geschehen, und es fühlt sich so an, als wären die Lesenden in diesem Moment mit dabei.
Wer mehr über Erzählperspektiven und ihre Möglichkeiten wissen will, darf gerne hier weiterlesen: Erzählperspektiven – Wer erzählt eine Geschichte?
Schreibstil
Auch mit unserem Schreibstil, also Wortwahl und Satzbau, können wir erzählerische Nähe fördern oder verhindern. Besonders hohe erzählerische Nähe erzeugen wir dann, wenn unsere Sprache dynamisch und konkret ist.
Dies beginnt bei den Verben, denn sie sind der Puls der Handlung. Gut ausgesuchte Verben können einen Satz von einem Langweiler in ein Spannungsmonster verwandeln. Wer hierzu genauer nachlesen will, tut das bitte hier: Von guten und schlechten Verben.
Richtig distanziert wird ein Text durch den sogenannten Nominalstil. Er setzt weniger auf Verben, sondern auf Nomen, und begegnet uns oft in der Fachliteratur. Dort stehen dann Sätze wir: „Das Pferd befand sich in einer liegenden Position“, anstatt: „Das Pferd lag.“ Mehr dazu findet ihr hier: Besserer Stil mit weniger Nomen.
Auch die Benutzung von Adjektiven und Adverbien spielen eine zentrale Rolle. Wir meinen, gerade durch ihre Nutzung besonders viel Detail und damit Nähe in unseren Stil zu bringen. Tatsächlich hat es oft den gegenteiligen Effekt, denn Adjektive und Adverbien können die Vorstellungskraft hemmen, anstatt sie zu fördern. Hier habe ich das im Detail beschrieben: Die bösen Adjektive.
Und natürlich ist der Satzbau essenziell für die Möglichkeit der Leser*innen, schnell in unsere Geschichte einzutauchen. Wenn wir ihnen den Lesefluss mit Schachtelsätzen und sperrigen Konstruktionen erschweren, kostet es sie zu viel mentale Kapazität, die Sätze zu entschlüsseln. Sich dann noch in die Geschichte fallen zu lassen, wird beinahe unmöglich. Auch hierzu habe ich schon mal etwas geschrieben: Wie lang sollte ein Satz sein?
Wie bewerte ich meine eigenen Texte?
Auch wenn uns theoretisch klar ist, welches Maß an erzählerischer Nähe wir möchten und wie wir es erzeugen können, fällt es uns manchmal schwer, die eigenen Texte zu beurteilen. Ist die Nähe hier schon hoch genug? Oder vielleicht zu hoch? Drücken wir genug auf die Tränendrüse oder können wir die Gefahr emotional transportieren? Oft kennen wir unsere Texte zu gut, um sie objektiv zu betrachten.
Wenn wir also sichergehen wollen, dass wir unser gewünschtes Ziel auch erreichen, bleibt uns nichts übrig, als unsere Texte an andere Menschen rauszugeben. Testlesende und befreundete Schreibende sind ein gutes Mittel, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Oft reicht es schon, ihnen eine einzige Szene zum Lesen zu geben und danach konkret zu fragen, wie sie sich beim Lesen gefühlt haben. Welche Emotionen wurden transportiert? Welche Fragen stellen sich nach dem Lesen des Textes? Die Antworten auf diese Fragen können euch wichtige Einblicke geben, wie euer Text wirkt.
Wichtig ist allerdings, dass ihr euch hierfür Menschen sucht, die sich ein bisschen mit der Theorie des Schreibens auskennen oder die zumindest fähige, analytische Lesende sind. Und diese Menschen sollten euch nicht zu nahe stehen. Ihr möchtet keinen Honig ums Maul geschmiert bekommen, sondern echtes Feedback, das euch auf Schwachstellen aufmerksam macht und ehrlich sagt, wenn etwas nicht spannend war.
Natürlich helfen euch auch Lektor*innen und Schreibcoaches dabei, eure Texte emotionaler zu machen und mehr Spannung und Gefühl in eure Geschichten zu bringen. Meist reichen schon ein paar Stunden gemeinsame Arbeit, um euer Handwerk langfristig zu verbessern. Wenn ihr das Schreiben ernsthaft angehen wollt, kann eine solche Investition nur hilfreich sein.
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