Komparatitis - Wenn Autor*innen sich miteinander vergleichen

Aktualisiert: Juli 28

Das Leben von Autor*innen ist immer noch Objekt vieler romantischer Vorstellungen. Reisende Schreiberlinge, die tage- und nächtelang an ihren Schreibmaschinen wie im Rausch Welten erschaffen, sich in Kultursalons rumtreiben und alle paar Minuten eine Idee festhalten müssen und am nächsten Tag unter einer Schreibblockade leiden. Gequälte Seelen, die hungernd und schwitzend über dem weißen Blatt Papier sitzen und um jeden Satz ringen.



Die Wahrheit ist, niemand weiß so recht, wie man das macht: Autor*in sein. Und weil es außerdem so eine isolierte Tätigkeit ist, neigen viele vor allem junge Autor*innen dazu, händeringend nach Vergleichswerten zu suchen. Wie machen es die anderen? Wie erfolgreich sind sie? Welche Tricks wenden sie an? Wie viele Wörter schreiben sie am Tag? Was muss ich tun, um mich dazuzählen zu dürfen?


Ein neudeutsches Wort dafür ist Komparatitis: die Krankheit, sich ständig vergleichen zu müssen. Wir leben ohnehin in einer Welt, in der der Vergleich allgegenwärtig ist. Doch unter Autor*innen scheint mir die Komparatitis umso ausgeprägter. Das liegt, so möchte ich behaupten, vor allem daran, dass das Selfpublishing vielen auch unerfahrenen Menschen die Möglichkeit bietet, ihr Buch nicht nur alleine zu schreiben, sondern auch alleine zu veröffentlichen, zu vermarkten und zu verkaufen. Als Richtschnur und Inspiration können da nur andere Selfpublisher*innen dienen, die den Weg bereits gegangen sind. Und so gerne sich die vielen Autoren gegenseitig helfen, so besteht doch immer die große Gefahr, nach dem einen richtigen Weg zu suchen. Ich denke, den gibt es nicht.



Ein Beispiel


Neulich veröffentlichte in einer Facebook-Gruppe eine Autorin ihre monatliche Amazon-Monatsabrechnung, und ich gebe zu, dabei wurde auch mir kurz schummrig vor Neid. Hübsch im mittleren vierstelligen Bereich, davon kann man leben. Ich habe den Post und die Kommentare aufmerksam verfolgt, weil auch ich dachte: Wie macht die das? Wieso passiert mir das nicht? Was mache ich falsch? Viele Autoren fragten sie, was ihr Geheimnis sei, und sie hat zum Glück bereitwillig erzählt.


Ihr Genre? Liebesroman. Heftromanlänge von etwa 120 Seiten pro Buch. Sie bringt alle SECHS WOCHEN ein Buch raus, ohne Lektorat und Korrektorat. Sie nutzt immer wieder neue Pseudonyme, baut keine Community auf, macht keine Newsletter oder Webseiten. Alle ihre Bücher kosten 99 Cent.




Was habe ich daraus gelernt?


NICHTS! Ich bin begeistert, dass sie einen Weg gefunden hat, mit dem sie glücklich ist und der ihr offensichtlich gutes Geld einbringt. Aber nichts davon hat irgendwas mit mir zu tun. Ich schreibe nicht in ihrem Genre, ich schaffe es niemals, alle sechs Wochen 120 Seiten zu schreiben. Ich wäre verloren ohne Lektorat und Korrektorat. Ich will, dass mein Name auf dem Cover steht.


Das heißt um Himmels willen nicht, dass der eine Weg besser ist als der andere. Es heißt nur: Sie sind unterschiedlich. Weil wir unterschiedliche Menschen sind, die unterschiedliche Ziele verfolgen und unterschiedliche Eigenschaften mitbringen. Und genau deswegen ist die Komparatitis so gefährlich. Sie gaukelt uns vor, dass wir jemand anderes sein müssen, um Erfolg zu haben, wobei wir meist noch nicht einmal definiert haben, was Erfolg für uns bedeutet. Wir versuchen, am Beispiel anderer herauszufinden, was wir zu wollen und wie wir dahin kommen, und oft genug versuchen wir, uns zu verbiegen, nur um am Ende zu scheitern und dann das Schreiben vielleicht ganz aufzugeben.


Ich habe für mich persönlich herausgefunden, dass der Vergleich mit anderen mich hemmt, mich sogar deprimiert, weil ich immer wieder nur das sehe, was ich nicht tue, anstatt mich auf das zu konzentrieren, was ich geschafft habe. Wie viele Seiten schreibe ich am Tag? Scheiß drauf! Wie lang ist mein Buch? So lang, bis die Geschichte zu Ende ist. Verlag oder Selfpublishing? Muss jeder selbst entscheiden. Welches Genre geht gerade besonders gut? Welches Genre interessiert mich eigentlich? Wir verbringen so viel Zeit mit unseren Büchern - gut, einige nur sechs Wochen. Aber auch dann: Es erfordert Leidenschaft, und die Geschichte sollte uns über die Zeit, die wir damit beschäftigt sind, interessieren und Spaß machen.



Deswegen hier ein kleines Plädoyer:


Holt euch Inspiration, wenn es euch gut geht. Lasst euch anspornen, probiert neue Strategien aus, wenn ihr merkt, dass ihr irgendwo nicht weiterkommt. Aber lasst neue Taktiken auch wieder los, wenn ihr merkt, dass sie nicht zu euch passen, dass sie euch und eurem Schreiben nicht guttun. Nehmt nichts als Dogma, lasst euch nicht bequatschen, findet euren eigenen Weg. Schreibt einfach genau die Bücher, die ihr schreiben wollt. Egal ob es die sind, die euch am Herzen liegen, oder die, die ihr glaubt, gut verkaufen zu können. Kennt eure eigenen Ziele und folgt diesen. Und fühlt euch nicht schlecht, weil andere es an anderen Stellen anders machen und damit Erfolg haben. Jeder geht seinen eigenen Weg, und meist kennen wir nicht das ganze Bild.


Aber was tun, wenn man Input braucht, aber Angst vor Komparatitis hat? Sucht euch vielleicht kleinere Gruppen von Autor*innen, denen ihr vertraut und die euch kennen, wenn ihr intensiven Austausch sucht. Meidet mal die sozialen Medien, in denen jeder eine Meinung zu allem hat. Ich empfehle jedem, der es nicht hören will, eine Schreibgruppe zu finden. Meine gibt mir immer wieder Trost und Ansporn, Hilfe und Rückhalt. Und ehrliche, konstruktive Kritik.


In diesem Sinne: you do you!


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