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Szenen gestalten

vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit

Nachdem wir im letzten Artikel geklärt haben, was Szenen überhaupt sind, möchte ich in diesem Artikel darüber sprechen, wie man sie gestaltet. Wenn ihr den vorherigen Artikel nicht gelesen habt, könnt ihr das hier nachholen.





Vorbereitung


Bevor ihr mit dem Schreiben anfangt, könnt ihr euch kurz vor Augen führen, was ihr in dieser Szene erzählen wollt. Worum geht es? Welche Figuren kommen vor, wo findet die Handlung statt und – falls ihr mehrere Erzählperspektiven benutzt – aus welcher Perspektive wird erzählt? Zur letzten Fragestellung gibt es die Faustregel: Die Figur, die am meisten zu verlieren hat oder die größte Entwicklung durchmacht, erzählt die Szene. Setzt euch vor jeder Szene ein Ziel: Was wollt ihr mit dieser Szene erreichen? Inwiefern führt diese Szene die Handlung voran?

 

Stellen wir uns als Beispiel folgendes Szenario vor: Unsere Protagonistin trifft ihre Mutter in einem Café, um endlich zu erfahren, wer ihr Vater ist. Euer Ziel ist es also, dass die Protagonistin diese Information erhält.

 

Allerdings seid ihr nicht die Einzigen, die etwas in dieser Szene erreichen wollen. Auch die Figuren haben ein Ziel, und es ist sehr gut möglich, dass deren Ziele von euren abweichen. Im Beispielfall will die Protagonistin dasselbe wie ihr: Sie möchte erfahren, wer ihr Vater ist. Aber sie hat auch andere Interessen. Sie möchte zum Beispiel wahrscheinlich die Beziehung zu ihrer Mutter schützen. Dieses Bedürfnis wird ihr Vorgehen steuern. Die Mutter hingegen möchte vielleicht niemals über den Vater sprechen und will ihrer Tochter nicht verraten, wer er ist – vielleicht um sich selbst zu schützen, vielleicht um ihre Tochter zu schützen. Bedenkt also die Ziele eurer Figuren immer mit und gestaltet sie wenn möglich so, dass ein Konflikt entsteht.



Der Anfang


Eine Faustregel besagt: so spät wie möglich rein, so früh wie möglich raus. Für den Anfang eurer Szene bedeutet das, dass die Szene nicht schon eine halbe Stunde vor den Treffen beginnt und die Lesenden die Protagonistin dabei beobachten, wie sie nach einem Parkplatz sucht. Meistens braucht man auch keine langen inneren Monologe, in denen sich die Figur auf das Treffen vorbereitet und all ihre Sorgen durchspielt. Geht so spät wie möglich in die Szenen rein und überlegt, was ihr wirklich braucht. Dies kann übrigens auch ein wichtiger Schritt in der Überarbeitungsphase sein. Dort könnt ihr jede Szene noch mal dahin gehend prüfen, ob ihr die ersten Sätze oder Absätze streichen könnt.

 

Fallt aber auch nicht mit der Tür ins Haus. Wenn die Szene mit der Frage beginnt: „Wer ist eigentlich mein Vater?“, verschenkt ihr wertvolles dramatisches Potenzial, weil ihr noch keine Spannung zwischen den Figuren aufgebaut habt. Es geht ja, wie gesagt, nicht nur um die Information, sondern auch um die Beziehung zwischen den beiden Figuren.

 

Genau wie bei einem Roman muss am Anfang klargestellt werden, wo die Figuren sich befinden. Es passiert gerade Neulingen gerne, dass sie die Ortsdarstellung vergessen und zwei Figuren gleich in einen Dialog starten lassen, ohne dass die Lesenden räumliche Orientierung bekommen. Das nennt man auch das White-Room-Phänomen, weil die Lesenden sich nichts vorstellen können außer zwei Figuren in einem weißen Raum. Denkt also daran, den Ort des Geschehens darzustellen und zwischendurch immer wieder aufzugreifen. Das dient übrigens auch dazu, Atmosphäre zu schaffen und Kontext herzustellen.

 



Spannung aufbauen

 

Genau wie Romane sollten auch Szenen einen Spannungsbogen haben. Den stellt man am einfachsten her, wenn man sich überlegt, was auf dem Spiel steht und was sich verändert. In unserer Szene ergibt sich die Spannung aus dem Widerspruch zwischen zwei Punkten: Die Protagonistin braucht die Information von ihrer Mutter – gehen wir mal davon aus, dass die Mutter die einzige Person ist, die diese Information liefern kann. Gleichzeitig muss sie die Beziehung zu ihrer Mutter bewahren. In diesem Widerspruch liegt das Spannungspotenzial. Eure Aufgabe ist es, diesen Konflikt Schritt für Schritt zu verschärfen, bis er sich im Höhepunkt der Szene entlädt.

 

Hier kommt dann die Veränderung ins Spiel. Eine Veränderung kann natürlich sein, dass die Protagonistin die Information erhält und endlich erfährt, wer ihr Vater ist. Aber auch in der Beziehung zwischen den Figuren sollte eine Veränderung stattfinden: Die Mutter könnte sich zurückziehen, die Tochter könnte etwas über den Vater erfahren, das sie nicht hören will, und ihre Mutter daraufhin ablehnen. So findet eine Veränderung also nicht nur auf der faktischen, sondern auch auf der emotionalen Ebene statt.

 

Schwierig sind Szenen immer dann, wenn sich nichts verändert. Wenn die Protagonistin nach diesem Treffen im Café nicht mehr weiß als vorher und ihre Beziehung zu ihrer Mutter genauso ist wie vorher, müsst ihr euch fragen, ob die Szene gestrichen werden kann. Die Hardliner sagen: Alles, was gestrichen werden kann, ohne dass es die Geschichte verändert, sollte gestrichen werden. Ich bin keine Freundin von so strikten Regeln, aber sie im Hinterkopf zu behalten, ist sinnvoll. Wenn die Szene nichts erreicht, besteht eine große Gefahr, dass sie die Lesenden nur langweilt.



Ja, aber … / Nein, und …

 

VSzenen sind Bausteine einer Geschichte und stehen nicht für sich alleine. Deswegen ist es wichtig, dass jede Szene auch einen Ausblick auf den Fortgang der Handlung gibt. Jede Szene treibt die Figuren einen Schritt weiter auf ihrer Reise, ob sie nun innerlich oder äußerlich ist.

 

Um das zu gewährleisten, hilft das „Ja, aber … / Nein, und …“-Prinzip. Gehen wir zurück zum Ziel der Szene: Erfährt die Protagonistin, wer ihr Vater ist? Ja, aber sie erfährt auch, dass er schon lange verschwunden ist. Das bedeutet, sie erreicht ihr Ziel, aber ihr wird ein weiterer Stein in den Weg gelegt, den sie überwinden muss, wenn sie ihren Vater finden will. Oder: Nein, und sie hat die Beziehung zu ihrer Mutter so zerrüttet, dass sie von ihr sicher nichts mehr erfahren wird. Sie hat ihr Ziel nicht erreicht und muss außerdem nach einem neuen Weg suchen, um es zu erreichen.

 

Dieses Prinzip hilft euch dabei, die Spannung von Szene zu Szene zu steigern und immer wieder neue Schwierigkeiten und Konflikte zu stricken.



Das Ende

 

Wie gesagt: so früh wie möglich raus. Am Ende einer Szene sollte die Spannung nicht abfallen, indem das Thema auf Belanglosigkeiten gerichtet wird, zum Beispiel in unserem Fall das Bezahlen und Verabschieden – sofern es nicht die Veränderung in der Beziehung der Figuren verdeutlicht. Auch ist es nicht nötig, die gesamte Handlung der Szene noch mal in einem inneren Monolog Revue passieren zu lassen. Bedenkt: Manchmal braucht es weniger Worte, um eine intensivere Emotion zu vermitteln.

 

Geht aber auch nicht zu früh aus der Szene. Cliffhanger, bei denen die Szene quasi kurz vor oder nach dem Höhepunkt endet, sind ein probates Mittel für besondere Momente, aber wenn ihr sie zu oft verwendet, verlieren sie ihre Kraft. Manche Szene dürfen und sollten weicher auslaufen. Gebt den Figuren und den Lesenden noch ein paar Sätze, in denen sie die neue Information emotional verarbeiten oder ihre nächsten Schritte durchdenken können.

 

In unserem Fall könnte die Szene zum Beispiel mit einem Cliffhanger enden, indem die Mutter sagt: „Dein Vater ist seit dreißig Jahren verschwunden.“ Das ist ein möglicher Weg. Was die Lesenden dann aber nicht erfahren, ist, wie diese Information die Protagonistin beeinflusst. Der Schock könnte intensiver wirken, wenn die Lesenden ihn gemeinsam mit der Protagonistin verarbeiten. Bedenkt also: früh raus, ja, aber nichts überstürzen.


 

Müssen alle Szenen so gestaltet sein?

 

Mit diesen Techniken könnt ihr Szenen gestalten, schon bevor ihr ans Schreiben geht. Ich möchte aber auch dazusagen: Schreibt erst mal, was ihr schreiben möchtet. All diese Ausführungen können euch an zwei Stellen helfen: wenn ihr nicht wisst, wo ihr anfangen sollt, oder wenn ihr merkt, dass eine Szene nicht funktioniert. Wenn die Geschichte Szene für Szene aus euch herausfließt, dann bremst euch mit diesen Gedanken bloß nicht aus. Überarbeiten, ändern und streichen könnt ihr immer noch. Wichtig ist es, den ersten Flow des Schreibens nicht zu unterbrechen und durch Technikfragen zu behindern.

 

Und natürlich gibt es ausreichend Beispiele in der Literatur, in denen Szenen wunderbare Leseerfahrungen sind, auch wenn sie keinen ordentlichen Spannungsbogen haben und die Handlung nicht maßgeblich vorantreiben. Je nach Genre sind die Erwartungen der Lesenden dahin gehend unterschiedlich. Nur ihr wisst, was eure Vision für eure Geschichte ist. Diese Techniken können euch helfen, eure Ziele zu erreichen, wenn ihr auf Hindernisse stoßt. Nehmt sie also nicht als Gebote, sondern als Hilfestellungen.



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