Was ist eine Szene?
Beim Schreiben von Geschichten denken wir zuerst an den Plot, an Drei-Akt-Strukturen, an Anfang und Ende, an Spannungsbögen, Wendepunkte und Höhepunkte. Oft vergessen wir dabei die wichtigsten Elemente, die unsere Geschichten erst zu dem zusammenführen, was sie sein sollen: die Szenen. In den nächsten Monaten möchte ich deswegen mit euch einen Deep-Dive in die Welt der Szenen machen. Wir schauen uns an, was Szenen überhaupt sind, wie wir sie gestalten, wie wir sie zu größeren Einheiten verknüpfen und wie wir sie dafür benutzen können, unsere Geschichten zu bauen.
Was ist eine Szene?
Eine Szene ist die kleinste dramaturgische Einheit, mit der wir Handlung transportieren können. In der klassischen Theatertheorie definiert sich eine Szene über die Einheit von Zeit, Ort und Ensemble. Das bedeutet, solange dieselben Figuren auf der Bühne sind, sie sich an einem Ort befinden und keine Zeitsprünge stattfinden, ist es eine Szene. Sobald eine Figur die Bühne verlässt oder betritt, die Figuren den Ort wechseln oder ein Zeitsprung stattfindet, beginnt eine neue Szene.
Diese Definition ist ein wenig veraltet, kann aber ein gutes erstes Indiz sein, wenn man Szenen auseinanderhalten möchte. Eine etwas aktuellere Herangehensweise folgt eher dem Inhalt. Danach kann man eine Szene danach definieren, dass in einem erzählerischen Fluss eine zentrale Frage erörtert und eventuell beantwortet wird. So kann zum Beispiel auch eine Actionszene, in der sich der Ort ununterbrochen ändert und ständig neue Feinde hinzukommen oder von der Bühne treten (weil sie zum Beispiel getötet werden), als eine Szene definiert werden, weil in einem erzählerischen Fluss gezeigt wird, ob die Hauptfigur es schafft, den Kampf zu gewinnen.
Dem gegenüber kann es vorkommen, dass eine Passage aus zwei Szenen besteht, obwohl sich weder Zeit noch Ort noch der Großteil des Ensembles ändern. Stellen wir uns zum Beispiel eine Szene am Lagerfeuer vor, in der eine Gruppe um die Hauptfigur sich unterhält und vielleicht einen internen Konflikt austrägt, der die Geschichte schon eine Weile begleitet. Es reicht eine kleine Änderung der Umstände – eine Person kommt hinzu und überbringt eine Nachricht, neue Informationen tauchen zum Beispiel in Form einer Brieftaube auf –, und schon kann die Szene mit dem Streitgespräch beendet sein und von einer Szene abgelöst werden, in der die Gruppe anhand der neuen Informationen Pläne schmiedet. Weil die Kontinuität der Handlung unterbrochen wird, beginnt hier eine neue Szene.
Szene vs. Zusammenfassung
Wenn ihr meinen Blog kennt, seid ihr sicher schon mal über den Begriff „szenisches Erzählen“ gestolpert. Er beschreibt genau das, was ich bisher erläutert habe: Die Lesenden wohnen der Handlung in einer Szene bei. Der Text zeigt, was geschieht, was die Figuren sagen und tun, als würden wir einen Film betrachten. Alles läuft quasi in Echtzeit ab.
Demgegenüber stehen Passagen in unseren Büchern, in denen wir mit wenigen Sätzen oder Absätzen Handlung zusammenfassen müssen. Ist zum Beispiel über eine längere Zeit hinweg etwas passiert, was nicht sonderlich spannend ist, aber erklärt werden muss, tun wir das zum Beispiel so: „Drei Tage hatten sie gebraucht, um die Wüste zu durchqueren, drei Tage in der Hitze, allesamt wortkarg vor Anstrengung und Müdigkeit.“ Hier geschehen die Dinge nicht in Echtzeit, sondern quasi als Zeitraffer.
In den meisten Fällen sind diese zusammenfassenden Passagen knapp und können als Einleitung in eine Szene oder Überleitung zwischen Szenen eingesetzt werden. Es kommt aber auch vor, dass Zusammenfassungen mehrere Seiten lang sind. Dann stehen sie quasi außerhalb von Szenen und bilden eine eigene narrative Einheit, in der eben nicht szenisch erzählt wird. Achtet in solchen Passagen darauf, trotzdem bildhaft und emotional zu erzählen, auch wenn die erzählerische Distanz wahrscheinlich höher ist. Das hält die Lesenden bei der Stange und schützt davor, dass sie das Buch weglegen.

Keine Szene ohne Ziel
Am besten versteht man Szenen, wenn man sie als eigene kleine Geschichten innerhalb der Geschichte betrachtet. Jede Szene hat einen eigenen Spannungsbogen, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Die Regeln besagen: Jede Szene muss die Handlung der Geschichte vorantreiben. Mit jeder Szene kommen die Figuren dem Finale ein kleines Stück näher. Es muss etwas passieren: Eine Information wird vermittelt, ein Rätsel gelöst, ein Hindernis überwunden. Auch emotionale Entwicklungen können dazu beitragen, die Geschichte voranzutreiben. Was vermieden werden sollte, sind Szenen, die nur dazu dienen, die Welt zu erklären oder Atmosphäre zu schaffen. Sie wirken meist langweilig.
Im Zentrum einer Szene steht also eine Frage: Werden Figur A und Figur B ihren Streit beenden? Wird Figur A das verschollene Pergament in der Bibliothek finden? Wird Figur B erfahren, wo ihr Vater ist? Die Beantwortung dieser Fragen ist gleichzeitig Auslöser für das weitere Vorgehen der Figur: Wenn Figur A das Pergament findet, wird sie eine wichtige Information erlangen, die sie einen Schritt weiter bringt auf ihrer Reise. Wenn Figur A das Pergament nicht findet, muss sie an einem anderen Ort danach suchen. So ist jede Szene ein logisches Glied in einer Kette von Ereignissen, die am Ende zu einer Geschichte werden.
Wenn ihr merkt, dass eine Szene nicht funktioniert, ist die zentrale Frage ein guter erster Anhaltspunkt für die Analyse. Vielleicht fehlt die zentrale Frage oder verändert sich im Laufe der Szene unbeabsichtigt. Oder sie wird nicht befriedigend zu Ende geführt und die Handlung bricht zu früh ab. All dies könnten Gründe sein, warum die Szene nicht funktioniert.
Die Wahl der Perspektive
Vor allem in Geschichten mit mehreren Perspektivfiguren stoßen wir oft auf die Frage, aus welcher Perspektive eine Szene erzählt werden soll. (Falls ihr mehr über Erzählperspektiven lesen wollt, folgt diesem Link.) Der Faustregel nach sollte es immer die Figur sein, die in der Szene die größte Entwicklung durchmacht. Das ist vor allem deshalb zu empfehlen, weil es für die tiefere emotionale Nähe zum Geschehen sorgt. Die Lesenden können so mehr in die Handlung eintauchen, als wenn die Geschehnisse von einer weniger beteiligten Person beobachtet werden.
Und natürlich gilt: Innerhalb einer Szene wird niemals ohne einen wirklich guten Grund und erstklassige Schreibtechnik die Perspektive gewechselt. Der bloße Wille des/der Autor*in, auch noch einen Blick in das Innenleben einer anderen Figur zu werfen, darf als Grund nicht ausreichen. Obwohl ich hierzu einschränken muss, dass diese Regel sich in den letzten Jahren aufgeweicht hat. Immer häufiger sehe ich vor allem im Genre Romance, dass das sogenannte Headhopping, also das Springen von einer Perspektive in die andere, toleriert wird. Dennoch gebe ich zu bedenken, dass es gut gemacht sein muss, um die Lesenden nicht zu verwirren und nicht in einen übererzählenden Stil zu fallen.
Eine Szene ist kein Kapitel
Intuitiv fühlt es sich oft richtig an, nach dem Abschluss einer Szene ein neues Kapitel anzusetzen. Das ist aber nicht immer die beste Wahl, vor allem dann nicht, wenn unsere Kapitel sehr kurz sind oder mehrere Szenen erzählerisch zusammenhängen (eine Reihe zusammenhängender Szenen nennt man Sequenz). Beim Schreiben kann es sinnvoll sein, jede Szene wie ein eigenes Kapitel zu betrachten. In der Überarbeitung solltet ihr aber noch mal prüfen, wo ihr Szenen zu einem Kapitel zusammenfassen könnt, damit eine etwas ruhigere Struktur in eurem Text entsteht.
Fazit
Betrachtet eure Szenen am besten wie kleine Kurzgeschichten. Gebt ihnen ein Ziel und eine zentrale Frage und achtet darauf, dass jede Szene die Handlung ein bisschen vorantreibt. Wie genau man Szenen gestaltet, untersuchen wir im nächsten Artikel.
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