Wer schreiben will, muss lesen

Die beste Schule für das Schreiben ist und bleibt das Lesen. Aber was und wie sollten Autor*innen lesen, um ihr eigenes Handwerk zu verbessern?





Für die meisten von uns gilt: Wir wollen schreiben, weil wir Bücher lieben. Wir waren und sind Leseratten, wir ertrinken in Geschichten und wir wollen das reproduzieren, was diese Bücher mit uns gemacht haben: die Faszination, die Leidenschaft, die Kreativität. Aber der Schritt fällt nicht immer leicht, denn obwohl wir verstehen, WAS die Autorin oder der Autor mit der Geschichte in uns ausgelöst hat, verstehen wir nicht unbedingt, WIE er oder sie das erreicht hat.



Lieblingsbücher mehrmals lesen


Deswegen gilt: Nehmt eure Lieblingsbücher immer mal wieder zur Hand und lest sie erneut. Wahrscheinlich erinnert ihr euch noch genau, wie ihr emotional auf diese oder jene Stelle reagiert habt. Wenn ihr das Buch erneut lest, ist es sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten, sich nicht vollständig von der Emotion einfangen zu lassen. Aus dieser etwas entfernten Position könnt ihr dann beobachten, was an dieser Stelle technisch passiert.


Hierzu hilft es, sich die Struktur der Geschichte und vor allem den Weg der Hauptfigur noch einmal vor Augen zu führen, am besten in einer kurzen Zusammenfassung, die ihr natürlich selbst schreiben solltet. Ihr könnt hier auch klassische Story-Modelle wie die Heldenreise zu Hilfe nehmen. Achtet hier vor allem auf die Kausalzusammenhänge: Die Hauptfigur reagiert auf eine bestimmte Art, WEIL dieses und jenes vorher passiert ist oder WEIL sie bestimmte Gefühle hat. In diesen Zusammenhängen liegt die Motivationsführung der Figur, und die ist grundlegend dafür, ob eine Geschichte euch anspricht oder nicht.


Für Autor*innen von Krimis oder Thrillern ist es zudem wichtig, sich mit dem Informationsmanagement auseinanderzusetzen. Wann in der Geschichte wird welche Spur gelegt, wie früh oder spät kommt welcher Hinweis? Dies lässt sich dann gut als Grundlage für die eigenen Geschichten verwenden.


Mithilfe dieser Analysen kommt ihr dahinter, wieso die Geschichten so funktionieren, wie sie funktionieren, und ihr lernt Techniken, die ihr auf die eigene Arbeit übertragen könnt.



Lesen für den Stil


Viele Autor*innen beginnen ihre Karriere damit, den Stil ihrer Vorbilder nachzuahmen. Daran ist nichts auszusetzen, aber auch hier ist es wichtig, zu verstehen, was einen Stil ausmacht und wie er funktioniert. Deswegen solltet ihr viele unterschiedliche Stile lesen und miteinander vergleichen. Wie sind Wortwahl und Satzbau, ist ein Stil eher gradlinig oder blumig, wie sind die Satzlängen, benutzt jemand viele Wiederholungen, Metaphern oder andere Stilmittel?


Aber auch das erneute Lesen einzelner Schlüsselstellen ist sinnvoll. Wo habt ihr geweint, mitgefiebert, wo wart ihr erleichtert oder enttäuscht? Untersucht, wie der/die Autor*in diese Gefühle auch im Stil unterstreicht. Sind die Sätze kürzer oder länger, gibt es viel oder wenig Dialog, wird viel beschrieben oder eher auf Handlung gesetzt?


Falls ihr euch noch immer schwertut, den Stil zu erkenne, hilft auch hier eine Fingerübung. Nehmt eine Situation, zum Beispiel aus eurem Alltag, und schreibt sie auf im Stil zweier sehr verschiedener Autor*innen. Zum Beispiel: Einkaufen aus der Sicht von William Shakespeare und Thomas Mann.




Schlechte Bücher lesen


Manchmal ist es ebenso hilfreich, ein Buch zu lesen, das schlecht ist oder zumindest nicht eurem Geschmack entspricht. Untersucht, was daran nicht funktioniert, was euch abstößt oder nervt. Fragt euch immer: Sind eure Kritikpunkte nur persönliche Präferenzen, oder stimmt tatsächlich etwas in der Struktur nicht? Vielleicht sind die Handlungen und Reaktionen einer Figur nicht nachvollziehbar, vielleicht wird die innere Logik der Welt immer wieder gebrochen, vielleicht wird über wichtige Situationen einfach schnell hinwegerzählt. Wann immer ihr das Gefühl der Abneigung habt, fragt euch: Wieso genau fühle ich das gerade?


Vor allem beim Untersuchen des persönlichen Geschmacks kann man viel über das Schreiben lernen. Es gibt Bücher, die einem persönlich überhaupt nicht gefallen, in denen man aber trotzdem das handwerkliche Können erkennen kann. Manchmal sind diese Bücher eine gute Ergänzung, denn man kann sie analysieren, ohne von den eigenen Emotionen abgelenkt zu sein. Lasst euch also auch mal auf ein Buch ein, von dem ihr glaubt, dass es euch nicht zusagt.



Breit lesen


Wir bleiben auch beim Lesen gerne in unserer Bubble und lesen ausschließlich unsere Lieblingsgenres. Ich rate euch dazu, breit zu lesen: aus allen Genres und aus allen Epochen, aus allen Ländern und von Menschen jedes Schlags. Ihr lernt dabei nicht nur die wunderbare Vielfalt der Literatur kennen und kommt so vielleicht auf ganz neue Ideen für eure eigenen Projekte, ihr lernt auch viel über die Welt. Fremde Perspektiven sind spannend und anregend, und manchmal stößt man auf Kleinode, die einen nachhaltig prägen, ohne dass man es erwartet hätte.



Wenn ihr Lesetipps braucht, ich empfehle jeden Monat in meinem Newsletter Post aus der Schreibwerkstatt ein Buch, das mir besonders gefallen hat. Außerdem verpasst ihr keinen Blogbeitrag mehr, wenn ihr den Newsletter abonniert.

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