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Wie plane ich einen Roman?

Aktualisiert: 27. Sept 2019

Viele AutorInnen beginnen ihre Schreibkarriere mit kurzen Texten: Kurzgeschichten, Essays, Tagebucheinträgen. Diese Texte entstehen schnell, da sie sich oft um ein sehr begrenztes Thema drehen oder einen kurzen Zeitraum darstellen. Schnell hingesetzt, runtergeschrieben, noch mal überarbeitet, fertig. Wenn es dann an das erste Romanprojekt geht, kommt schnell Verwirrung auf. Wo fange ich an, wo höre ich auf? Wie viele Figuren verkraftet mein Buch? Wie lasse ich Spannung entstehen? Wie strukturiere ich meine Geschichte? Über 300 Seiten und mehrere Handlungsstränge verliert man da schnell mal den Überblick. Da bedarf es einiger Planung. Hier ein paar nützliche Tipps, Literatur und Tools, die beim Prozess helfen.



Wie viel Planung brauche ich?


Wie immer gilt: Jeder muss seinen eigenen Stil entwickeln. Ich kenne AutorInnen, die sich vor die weiße Seite setzen und ihre Geschichte sich quasi selbst entwickeln lassen. Ebenso kenne ich AutorInnen, die Dutzende Ordner anlegen, ihr Zimmer mit Karteikarten tapezieren und erst ans Schreiben gehen, wenn jede Einzelheit festgezurrt ist. Alles ist richtig, alles ist erlaubt. Wichtig ist einzig und allein, dass am Ende eine gute, schlüssige, spannende Geschichte entsteht, die die Leser begeistert. Wie viel Planung dafür nötig ist, muss jeder für sich entscheiden.


Dieser Artikel soll also keinesfalls die einzig wahre Methode erläutern oder ein Patentrezept erklären. Vielmehr möchte ich denjenigen, die nicht wissen, wie sie anfangen sollen, oder die ihre Prozesse verbessern möchten, einige Ideen liefern. Letztendlich müsst ihr selbst ausprobieren, welche Methode euch liegt. Also nicht beirren lassen und stattdessen loslegen.



Welche Geschichte möchte ich erzählen?


Es heißt, dass es zwei verschiedene Herangehensweisen an einen Roman gibt: über die Geschichte oder über die Hauptfigur. Ich persönlich finde, das ist ein- und dasselbe, denn im Zentrum steht immer eins: der Konflikt. Habe ich eine bestimmte Geschichte im Kopf, einen besonderen Konflikt, vielleicht auch eine Welt und Zeit, dann muss die Hauptfigur bestimmte Merkmale erfüllen, um diese Geschichte glaubhaft zu machen. Möchte ich zum Beispiel über die Arbeiterbewegung in Deutschland während der Industriellen Revolution schreiben, dann muss meine Hauptfigur dazu in einer Beziehung stehen. Ein träumerischer Schafhirte, der in den Alpen lebt, hat hier nichts verloren – obwohl sich auch sicher hier eine Geschichte entwickeln lässt, wenn man nur irgendwie den Konflikt herstellt.


Dasselbe gilt andersherum: Habe ich meinen Protagonisten bereits im Kopf, dann muss meine Geschichte ihn prüfen, ihn an seine Grenzen bringen und ihm erlauben, seine inneren Blockaden zu überwinden oder an ihnen zu scheitern. Der starke Krieger muss dem Feind begegnen, den er nicht besiegen kann. Die kluge Abenteurerin muss das unlösbare Rätsel lösen. Der ängstliche Einsiedler muss in die Situation gebracht werden, die ihn aus seiner Isolation lockt. Im Zentrum steht also immer der Konflikt, um den sich die Geschichte entwickelt. Er muss groß sein, unüberwindbar erscheinen, den Helden zum Verzweifeln bringen. Nur so können die Leser mitleiden und mitfiebern. Kein Konflikt, keine Geschichte.


Eine hilfreiche Technik, um diesen Konflikt zu entwickeln, ist, sich den Anfang und das Ende der Geschichte vor Augen zu führen. Am Anfang ist mein Protagonist in einer bestimmten Ausgangssituation, am Ende in einer entweder viel besseren oder (in der Tragödie) viel schlechteren Situation. Wie ist er von A nach B gekommen? Was muss passieren, damit diese Entwicklung eintreten kann? Dazwischen liegt die Spielwiese, auf der die Geschichte stattfindet.



Akte, Helden, Beats und Flocken


Seit es Geschichten gibt, machen Menschen sich Gedanken darüber, wie gute Geschichten aufgebaut sein müssen. Über die Jahrhunderte haben sich ein paar Theorien und Techniken gehalten, ein paar andere sind dazugekommen. Hier ein kleiner Überblick über die Populärsten. Da draußen gibt es sehr viel mehr, wer also mehr Input braucht, kann gerne selbst recherchieren.



Die drei Akte


Die klassische Herangehensweise an eine Geschichte erfolgt über die Aufteilung des Plots in drei Akte. Der erste Akt dient dabei als Exposition und zeigt uns die Welt der Geschichte in ihrer ursprünglichen Form. Hier lernen wir unsere Hauptfigur kennen und sehen das Problem, das es zu lösen gilt. Im zweiten Akt macht sich der Held daran, die Gegebenheiten aus der Exposition zu ändern. Hier wird der Konflikt auf die Spitze getrieben. Der dritte Akt dient dann dazu, den Konflikt aufzulösen oder ihn in einer Katastrophe enden zu lassen, je nach Genre.


Die beiden Übergangsstellen zwischen den Akten sind wichtige Dreh- und Angelpunkte. Sie werden als Plotpoints oder Wendepunkte bezeichnet. Der erste Plotpoint markiert die Stelle, an der der Held sich auf den Weg macht, um die Welt zu verändern, seinen Missstand zu lösen, seine Liebe zu finden etc. Hier muss eine Entscheidung getroffen werden, der Held wird aktiv. Am zweiten Plotpoint findet der Held den Schlüssel für die Lösung des Konflikts, den entscheidenden Hinweis, die innere Stärke oder dergleichen. Diese muss er dann im dritten Akt nur noch anwenden, um sein Ziel zu erreichen.


Diese grobe Struktur ist bereits sehr hilfreich, wenn man nicht weiß, wie man seine Geschichte aufbauen soll. Andere Theorien haben diese Drei-Akt-Struktur noch verfeinert, so zum Beispiel die folgenden beiden, die vor allem in der Filmbranche sehr populär sind.


Die Heldenreise


Sicherlich seid ihr bereits über dieses Wort gestolpert. Dahinter verbirgt sich eine etwas abstrakt wirkende Theorie, die die Mythologie mit dem Geschichtenerzählen verbindet. Sie geht zurück auf Joseph Campbell und Christopher Vogler. Wer genauer nachlesen will, kann dies in Voglers „Die Odyssee des Drehbuchschreibers” tun.


Die Heldenreise basiert auf der Drei-Akt-Struktur, gibt aber zusätzliche Punkte und Wegmarken, an denen man sich als AutorIn entlang hangeln kann. Es würde zu weit gehen, die Struktur in Gänze zu erklären. Ich habe in diesem Blogbeitrag die Stationen der Heldenreise genauer aufgedröselt. Auf dem Foto seht ihr den Aufbau als Diagramm.



Einer der wichtigsten Punkte meiner Meinung nach ist, dass es bei der Heldenreise nicht so sehr um die äußeren Umstände geht, sondern dass neben der eigentlichen Handlung viel Wert darauf gelegt wird, dass der Held auch eine innere Reise durchmacht. Neben dem äußeren Konflikt gibt es auch immer einen inneren Konflikt, der bewältigt werden muss, und erst, wenn der Held seinen inneren Feind besiegt hat, kann er sich dem Antagonisten entgegenstellen.

Ich lege jedem „Die Odyssee des Drehbuchschreibers” ans Herz, auch wenn Vogler mitunter etwas kryptisch und reichlich abstrakt erklärt. Wer es etwas handfester mag, kann sich an folgendes Buch halten.


15 Beats


Blake Snyder, selbst erfolgreicher Drehbuchautor, zerlegt in seinem Buch „Rette die Katze!” eine Geschichte in fünfzehn einzelne Beats, wobei Beat letztendlich für ein Element oder einen Abschnitt in der Story steht. Auch er folgt dabei der Drei-Akt-Struktur, und tatsächlich sind die Plotpoints zwei Beats in seiner Liste (Nummer 6 und 13). Hier alle Beats in Reihenfolge:


  1. Eingangsbild

  2. Thema

  3. Setup

  4. Auslöser

  5. Debatte

  6. Plotpoint I

  7. B-Story

  8. Spiel und Spaß

  9. Zentraler Punkt

  10. Das Böse rückt näher

  11. Alles verloren

  12. Der Seele finstere Nacht

  13. Plotpoint II

  14. Finale

  15. Finales Bild


Wer die Beats mit der Heldenreise oben vergleicht, wird einige Übereinstimmungen feststellen: Bei beiden gibt es eine Debatte beziehungsweise Weigerung, bevor der Held sich am ersten Plotpoint auf den Weg in sein Abenteuer macht. Beide haben nach dem ersten Plotpoint Platz für ein bisschen Spaß und Entspannung. Und beide legen Wert auf die Dunkelheit, in die sich der Held begeben muss, um seine Lösung zu finden.


Dieses Buch ist etwas für alle, die schnell eine funktionierende Geschichte herstellen möchten. Snyder kommt aber in seinem Buch recht dogmatisch rüber, was sicherlich mit der restriktiven Hollywood-Welt zu tun hat. Seine Herangehensweise klingt sehr nach Schema F, andererseits funktioniert Schema F seit Jahrzehnten gut und liefert einen Blockbuster nach dem anderen. Denkanstöße sind in „Rette die Katze!” aber viele zu finden, auch wenn man sich manchmal etwas herumkommandiert fühlt.


Die Schneeflockenmethode


Wer überhaupt keine Lust hat, sich bei der Entwicklung seiner Story an diese linearen Strukturen zu halten, der kann mit der Schneeflockenmethode experimentieren. Sie wurde vom Erfolgsautor Randy Ingermanson entwickelt und soll dabei helfen, eine Idee in einen Roman zu verwandeln. Er geht dabei vom Kleinen ins Große. Man beginnt quasi damit, in einem Satz seine Idee zu formulieren, und arbeitet sich dann immer weiter hinaus wie die Kristalle, die vom Kern der Schneeflocke symmetrisch in alle Richtungen wachsen. Aus dem ersten Satz werden fünf Sätze (die übrigens auch die drei Akte und zwei Plotpoints beschreiben), aus jedem dieser Sätze werden wiederum fünf, dann wird das Ganze auf vier Seiten ausgebaut und so weiter, bis am Ende eine vollständige Geschichte steht, die nur noch niedergeschrieben werden will.


Interessanterweise springt Ingermanson dabei immer zwischen der Entwicklung der Geschichte und den Figurenentwürfen hin und her – man sieht also auch hier, dass das eine nicht ohne das andere existieren kann.


Klingt interessant? Randy Ingermansons Buch heißt „How to Write a Novel Using the Snowflake Method”.



Das Drumherum – Welten, Figuren, Orte, Zeiten


In jedem Fall solltet ihr nicht darauf verzichten, Notizen zu den Figuren und Orten zu machen, weil dort die meisten Anschlussfehler passieren. In Kapitel 1 hatte die Figur noch lange Haare, in Kapitel 4 sind sie dann auf einmal kurz. Erst war das Zimmer rechts vom Bad, dann links. Aus zwölf Stufen werden dreizehn. So was fällt dem Leser auf und reißt ihn aus dem Lesevergnügen.


Auch eine generelle Timeline ist sinnvoll, vor allem dann, wenn die Geschichte sich über einen längeren Zeitraum zieht und man verschiedene Storylines unterbringen muss. Damit es da nicht zu unpassenden Überschneidungen kommt – dass eine Person zum Beispiel gleichzeitig an zwei Orten ist –, sollte man immer wieder zu seiner Timeline zurückkehren und checken, ob noch alles passt.


Eine gute Organisation von Notizen ist besonders für Weltenbauer wichtig, also diejenigen, die für die Genres Fantasy oder Science Fiction neue Welten mit eigenen Ländern, eigener Geschichte und eigenen Regeln entwickeln. Diese Regelwerke sollten irgendwo festgehalten sein, damit ihr selbst darauf zurückgreifen könnt, falls ihr euch plötzlich mit einer Sache unsicher seid. Man darf nicht unterschätzen, dass man über mehrere Hundert Seiten sehr schnell den Überblick verlieren kann.



Tools und Technologie


Grundlage einer jeden Struktur ist eine gute Organisation. Ob ihr mit Papieren in Ordnern, mit Karteikarten an Pinnwänden oder digital arbeitet, je besser ihr eure Notizen organisiert, desto einfacher ist es am Ende, alles wiederzufinden.


Karteikarten sind in der Tat eine wunderbare Option, um einzelne Szenen festzuhalten, sie umzusortieren, sich kurze Notizen dazu zu machen und so die Struktur der Geschichte sichtbar zu machen. Wer es lieber digital mag, muss auf dieses Prinzip nicht verzichten. Meine persönliche Lieblingsschreibsoftware Scrivener baut auf so etwas Ähnlichem wie Karteikarten auf. Jede Szene ist eine einzelne Karte, zu der man Notizen machen kann, in die aber auch der gesamte Text der Szene eingefügt werden kann. Alle Szenen und Kapitel lassen sich sehr einfach umorganisieren. Zudem bietet Scrivener auch Vorlagen für Figuren-Sheets und Orte, es lassen sich Links, Bilder und Videos einbinden, und die Export-Funktionen sind auch nicht ohne. Gerade wegen der guten Organisation benutze ich selbst Scrivener.


Natürlich gibt es viele andere Tools. Papyrus, Writer’s Café, Patchwork, Ulysses … um nur ein paar zu nennen. AutorInnen sollten sich diverse Produkte ansehen, um das zu finden, das ihnen am besten gefällt. Und wer am Ende bei Word bliebt, hat auch nichts falsch gemacht.


Und auch für Weltenbauer gibt es hervorragende Tools, die dabei helfen, all die Ideen zu euren Welten zu organisieren. Eines davon heißt WorldAnvil und ist online verfügbar. Hier könnt ihr Karten erstellen, Rassen entwerfen, Historie schreiben und sogar in Timelines ansehen und vieles mehr. WorldAnvil richtet sich in erster Linie an Rollenspieler, ist aber auch für Autoren sehr zu empfehlen.



Fazit


Ganz ohne Struktur geht es nicht. Nicht umsonst haben sich bestimmte Theorien zum Geschichtenerzählen über Jahrzehnte und Jahrhunderte gehalten – sie beschreiben eine Ur-Struktur von Geschichten, auf die das Publikum einfach gut reagiert. Diese Regeln können dabei helfen, aus einer Idee einen runden, spannenden Roman zu machen.


Wer keine Lust auf diese festen Vorgaben hat und einfach drauflos schreibt, wird wahrscheinlich nach ein paar Kapiteln feststellen, dass er immer wieder zurückblättern muss, um Fakten zu checken und keine Fehler zu machen. Um sich das zu ersparen, sollten AutorInnen die wichtigsten Eckpunkte ihrer Figuren, Orte und Welten festhalten. Es macht das Leben sehr viel einfacher.


Ansonsten gilt wie immer: erst mal schreiben. Wie auch immer, was auch immer. Denn man lernt es nur, indem man es tut. Mit der Zeit wird jede Autorin ihren eigenen Weg finden.


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